Jeder hat seine Geschichte. Du und ich. Ganze Völker haben ihre Geschichten. Das Verhalten der Mexikaner gegenüber der Amerikanern (und umgekehrt) ist heute noch von ihrer Geschichte beeinflusst. Auch die Chinesen verhalten sich so, wie man es aufgrund ihrer Geschichte erwarten würde. Die Geschichte Englands verrät sich in ihrem Benehmen, wie auch die der Schweizer, der Franzosen und aller anderer. Alles und jeder ist mit dem Jetzt und dem Gestern gleichzeitig verbunden.
Auch wenn wir sie manchmal verwünschen, hat sie unsere Verhaltensweise geprägt. Unsere Geschichte lebt in uns weiter, im Heute wie im Gestern.
Sie beeinflusst in wen wir uns verlieben, wie wir unsere Kinder grossziehen, sie bestimmt, wie wir unserem Umfeld begegnen und wie wir in der Nacht schlafen.
Und genau bei diesem Thema meldet sich meine eigene, persönliche Geschichte.
Im Camper übernachten wir oft in der Wildnis. Weit weg von Menschen, von Lichtern und Lärm. Idylle. Aber sobald die Dunkelheit kommt, beginnt mein Hirn Furcht-Signale zu senden, die unrealistisch sind und auf vergangenen Ereignissen anstatt gegenwärtigen Fakten beruhen.
Als ich ein Kind war, wurde bei uns zweimal eingebrochen. Einmal hörte ich den Dieb kommen und einmal erfuhr ich erst am nächsten Morgen davon. In China wurden wir in der Dunkelheit der Nacht in unserem Häuschen angegriffen. Nichts passierte, zumindest äusserlich nicht, aber tief drinnen wurde ich zum noch grösseren „Nachtangsthasen“.
Vor ein paar Wochen kamen wir einmal mehr an einem paradiesischen Übernachtungsplatz an. Es war eine ideale Lichtung in einem Wäldchen an einem kleinen Bach. Scheinbar weit weg von der Zivilisation und sehr friedlich. Aber so bald die Sonne hinter dem Berg verschwand, begann mein Verstand die Achterbahnfahrt einer Irren…

Near the Murder Creek.
Warum, so fragte ich mich plötzlich, hiess dieser Bach „Murderer Creek“ (Mörderbach?) und warum stand neben uns eine gruselige, verlassene und offensichtlich abgebrannte Blockhütte? Warum hingen Schilder an den Bäumen „Betreten verboten“? Dann stoppte kurz ein Fahrzeug neben uns und wir beobachteten wie die Frau im Beifahrersitz ihr Fenster herunterliess und im Seitenspiegel ein Foto von unserem Nummernschild machte. Nun war das Fass überlaufen: Meine Fantasie kannte keine Grenzen mehr! In dieser Nacht (wie auch in vielen vorhergehenden und folgenden Nächten), brachte mich jedes Geräusch zum Zusammenzucken. Natürlich absolut grundlos.
Aber wisst ihr was? Übung macht bekanntlich den Meister und ich habe es (fast) geschafft, meine Angst vor dem Dunkeln zu überwinden. Und wenn ich das kann, dann können es auch andere, sogar ganze Völker gemeinsam!
Sag mal, was ist deine Geschichte?