Der Khunjerab Pass liegt auf 4730 m ü.M. Für den Busfahrer ist die Strecke alltägliche Routine. Die Grenze: je ein verlassenes Zollhäuschen und die jeweilige Landesfahne flatternd daneben. Eine einsame Barriere, die senkrecht in den Himmel zeigt, markiert den Übergang – offen! Daran befestigt ist ein Seil das sich ziellos im eisigen Wind bewegt. Niemand will auf dieser Höhe und in dieser Kälte verweilen, nicht einmal die Armee. Ein Fels mit eingraviertem Schriftzug weist darauf hin, dass dies die Passhöhe ist. Mit 60 km/h – diese sonst moderate Geschwindigkeit fühlt sich auf dieser Strasse an wie die Fahrt auf einer Achterbahn – überqueren wir »fliegend« die Grenze zwischen dem kommunistischen Reich der Mitte und dem muslimischen Tor zum indischen Subkontinent. Obwohl die beiden Länder aneinandergrenzen und wir nur eine abstrakte, von Menschen gezogene Linie überfahren, ist die Andersartigkeit frappierend. Geografisch gesehen hört hier das von Rundungen geprägte, von weiten Tälern durchzogene Pamir Gebirge auf und macht der Karakorum-Bergkette mit seinen messerscharfen, spitzen Felsen und tiefen, engen
Schluchten Platz. Die gut ausgebaute, neu geteerte chinesische Strasse endet abrupt und geht über in einen Teerpfad, der halb Schotter und halb mit »autoverschluckenden« Riesenlöchern gespickt ist. In China fährt man auf der rechten, in Pakistan auf der linken Seite, ein Überbleibsel der britischen Kolonialregierung. Die Essgewohnheiten ändern sich: Die Hand ersetzt die »Stäbli«, Dhal (Linsengericht) die Nudelsuppe. Der Rhythmus der Musik und der Stil der Filme könnten nicht unterschiedlicher sein. Menschen kleiden sich anders, Frauen bleiben öfter zu Hause, für 100 $ bekommen wir 6000 Rupies anstatt »nur« 800 Yuan, die Lastwagen sind nicht einfach Transportmittel, sondern fantasievoll bemalte Kunstobjekte. Mobiltelefone sind im Norden Pakistans (noch) rar, hingegen ist Englisch als zweite Sprache weit verbreitet.
Trotz der offensichtlichen Unterschiede verbindet die Länder einiges – immer mehr. China sieht in Pakistan eine neue wirtschaftliche Chance, eine Investition in die Zukunft. Viele der Strassen werden von China gebaut oder repariert, die Strassenarbeiter auf dem Karakorum Highway sind hauptsächlich Chinesen. Sie planen und finanzieren auch das grosse Dammprojekt zur Stromgewinnung in der Nähe von Gilgit. Und die meisten Alltagsprodukte – Kleider, Stoffe, Schuhe, Maschinen, Geschirr – sind »Made in China«.
Butt, ein quirliger Pakistani, lebt mit seiner chinesischen Frau in Hongkong und ist unterwegs in seine Heimat. Er ist nur einer der vielen Passagiere im Bus über den Khunjerab Pass, der uns bereits vor Ankunft in Pakistan bewusst machen, wie unglaublich herzlich unsere neuen Gastgeber sind. Er hilft unseren Buben die drei Stunden am chinesischen Zoll in Tashkurgan im wahrsten Sinne spielend zu verbringen. Schon bevor wir den Pass überqueren, bekommen wir die erste Einladung in ein pakistanisches Heim. Noch ahnen wir nicht, dass wir in den nächsten vier Wochen fast täglich bei Einheimischen zum Essen eingeladen werden.
Fakir, ein weiterer Passagier im Bus, fällt uns sofort durch seinen schönen, mit blauen Verzierungen bestickten Schalwar Kameez (traditionelle Kleidung) auf. Wir fragen ihn, wo Michael einen solchen kaufen kann. Darauf hin zieht Fakir ohne zu zögern sein knielanges Hemd aus und streckt es meinem Mann hin. »Da, ein Geschenk!« Alle Buspassagiere jubeln!
Zwei Wochen später treffen wir Fakir im Basar von Gilgit wieder. Aus Freude lässt er uns im Fotostudio seines Freundes ablichten und beschenkt unsere Buben mit Spielsachen, Kuchen und neuen Winterjacken aus seinem Kleidergeschäft. Fakirs Cousin lädt uns zum Nachtessen in sein Elternhaus ein. Sie organisieren einen Minibus, der uns in sein Dorf fährt. Vor lauter Aufregung vergessen wir zu sagen, dass wir Vegetarier sind. Prompt finden wir uns in einer äusserst unangenehmen Situation wieder, als ausschliesslich Fleisch aufgetischt wird. Unsere neuen Freunde entschuldigen sich immer wieder dafür, glauben, dass sie keine guten Gastgeber seien. Handkehrum betonen wir ununterbrochen, dass die »Schuld« bei uns liegt.
Für Menschen, denen es sehr wichtig ist, die Gäste gut zu bewirten, ist dies schwierig anzunehmen. Als wir unser Kein-Fleisch-Essen mit ihrem Kein-Schweinefleisch-Essen vergleichen, beginnen sie uns jedoch ein wenig zu verstehen. Das Mahl wird traditionellerweise im Gästezimmer serviert. Gäste sehen kaum je die anderen Räume eines Hauses. Nach dem Essen kommt das Oberhaupt der Familie, der Vater, und zu meiner grossen Überraschung, gibt er mir die Hand. Obwohl sein Gesichtsausdruck eher mürrisch wirkt, scheint er uns zu mögen und erweist uns die Ehre, den Tee im Innern seines Hauses, mit seiner ganzen Familie, einzunehmen. Da entspannt sich die Situation, vor allem als George Bush im Fernsehen spricht und wir klar deklarieren, dass wir mit seiner Politik nicht einverstanden sind. Die Familie gehört zu der Glaubensgemeinschaft der Schiiten. Sie und die Sunniten haben immer wieder Streitereien miteinander. »Genau so wie bei euch die Katholiken und Protestanten in Irland«, sagen sie wohl zu recht. Die Schiiten sind in Pakistan in der Minderzahl und folgen ihren Führern im Iran. Fotos von Khomeiny hängen an der Wand. Obwohl wir diese Informationen mit viel Interesse aufnehmen, ist es für uns wertneutral, welcher
Glaubensrichtung diese Menschen angehören. Denn eines ist sicher: Sie sind herzlich, offen, friedlich, aufgeweckt, interessiert, grosszügig, tolerant und intelligent.
Als wir aufbrechen wollen, führen sie uns zurück ins Gästezimmer, wo sie bereits vier Betten für uns hergerichtet haben …
Der Schalwar Kameez ist die Hauptbekleidung der ganzen Bevölkerung. Männer, Frauen und Kinder tragen das lange, lose Hemd über den weiten Hosen. Zum Kleid der Frauen gibt es noch einen passenden Schal, der über dem Kopf und den Schultern getragen wird. Die Männer wickeln sich im Winter oft eine dünne Schafwolldecke über ihr Hemd. Die Designs und Farben der verarbeiteten Materialien sind vielfältig. Ich suche mir Stoffe aus und lasse ein paar dieser unglaublich bequemen Kleidungsstücke anfertigen. An das Tragen der Kopfbedeckung gewöhne ich mich schneller als erwartet und fühle mich im Schalwar Kameez schon bald pudelwohl und sehr feminin. Obwohl es durchaus erlaubt wäre, könnte ich mir kaum mehr vorstellen, ohne diese Bekleidung durch die Strassen zu gehen, und geniesse den Respekt, den ich durch diese Wahl von allen Seiten erfahre. Er gilt aber nicht nur mir, sondern vor allem auch meinem Mann – weil er offensichtlich eine »gute« Frau hat.
In einem kleinen Dorf am Hunza-Fluss treffen wir auf Iqbal, 40-jährigen Vater von drei Kindern. Er führt uns in seinen Garten und lässt uns die saftigen Äpfel seiner Bäume – drei verschiedene Arten wachsen in dieser Gegend – kosten. Iqbal lädt uns in sein Heim ein, ein mehrere Hundert Jahre altes Steinhaus. Stolz zeigt er uns die eingravierten Striche im Balken, welche sein Urgrossvater nach jeder erfolgreichen Jagd eingekerbt hatte. Das von aussen so unscheinbare Gebäude ist von innen umso faszinierender und farbiger. Die Wände und Böden sind mit Tüchern und Teppichen belegt. Der Raum hat unzählige Ebenen und Nischen, die zum Schlafen, Ausruhen, Essen oder Arbeiten gebraucht werden. Im hinteren Teil werden Mehl, Fleisch und Früchte für den Winter gelagert. Iqbals Frau kocht uns ein traditionelles Hunzatal-Gastessen, dessen Zutaten ausschliesslich aus dem eigenen Garten stammen. Die heisse Milch kommt von ihrer Kuh, die ihnen davon täglich zwei Liter schenkt. Dafür sind diese köstlicher, cremiger und süsser als alle anderen Milch, die ich je getrunken habe!
Iqbals 15-jähriger Sohn muss jeden Tag drei Stunden Schulweg zurücklegen und hat deshalb beschlossen, zu einem Cousin nach Islamabad zu ziehen. Die Eltern haben Angst – ein Teenager alleine in der riesigen Hauptstadt! »Würde ein Fahrrad helfen?« Ja, aber dieses könnten sie sich nicht leisten. Wir können uns gut in sie einfühlen und beschliessen spontan, ihnen finanziell unter die Arme zu greifen.
Norin sitzt im gleichen Minibus, der uns von Aliabad nach Gilgit bringt. Da sie ohne Mann reist (sie hat mit ihrem sechsjährigen Sohn ihre Familie besucht), wird sie mehrere Male umplatziert. Schlussendlich beschliesst der Fahrer, dass sie am besten neben einem älteren Herrn sitzen soll. Norin trägt einen prachtvollen, rosaroten, mit gelben Blumen verzierten Schalwar Kameez. Ihr Gesicht ist braun gebrannt, ihre Augen rehbraun. Neugierig schaut sie zu mir herüber. Wir geben uns die Hand, verbünden uns. »Du hast zwei Buben«, stellt sie fest, »ich auch. Wo ist dein Mann?« (Michael ist in einem Geschäft, um Wasser zu kaufen.) »Du siehst wunderschön aus«, sage ich zu ihr. Sie neigt den Kopf zur Seite, schweigendes danke. »Willst du einen Apfel?« Dann fahren wir los. Sie redet und lacht mit dem älteren Herrn und dem Fahrer. Ihr Schal ist schon lange von ihrem feinen Haar gerutscht und liegt nun bequem auf ihren Schultern. Kurz vor unserer Ankunft zieht sie ihn geübt wieder über den Kopf.
In Pakistan stehen fünf Berge mit über 8000 m Höhe. Der Karakorum-Highway (Highway bezieht sich hier wohl mehr auf die Höhenlage der Strasse als auf die übliche Übersetzung »Autobahn«) schlängelt sich über mächtige Bergketten und an Gletschern vorbei, entlang reissender, eiskalter Flüsse, hoch über atemberaubenden Tälern und Schluchten. Oft ist die Strasse von Erdrutschen weggeschwemmt oder verschüttet, die Räder der Fahrzeuge wenige Zentimeter neben dem Abgrund.
Die Erdbeben vor gut einem Jahr machten den Strassenzustand noch schlechter und haben die Fahrtzeiten teilweise verdoppelt, sogar verdreifacht. Gerölllawinen kleben an den Hängen, hoch aufragende Laubbäume stehen in Reihen den Flüssen entlang. Wie steife Zinnsoldaten. Lange Hängebrücken, oft nicht viel mehr als ein paar alte Bretter auf Drahtseilen, die über den Fluss gespannt sind, verbinden die Ufer und laden waghalsige Trekker zum ultimativen Abenteuer ein. Edelweiss sind hier auf den Bergwiesen noch viel häufiger als bei uns in der Schweiz die Gänseblümchen. Der Nanga Parbat, auf Deutsch »Nackter Berg« und bekannt als »Todesberg« (vor allem der Deutschen), ist mit 8125 m der achthöchste Berg der Welt. Er wächst ungefähr 7 mm pro Jahr, mehr als die meisten Gebirge in der Himalajaregion. Es gibt drei Basecamps und den längsten Aufstieg der Welt (7 Lager auf dem Weg zur Spitze – gegenüber 4 beim Mt. Everest). Ein rostiger Jeep mit Bremsproblemen fährt uns die wohl nervenaufreibendsten 45 Minuten ins Gebirge nahe des Nanga Parbats.
Die Strasse, nicht breiter als unser Jeep, ist nicht in den Berg »gehauen«, sondern sieht aus wie an den Hang »geklebt« und ist nur durch kleine Steinhaufen von einem schwindelerregenden Abgrund getrennt. Eine der tiefsten Schluchten der Welt, sie fällt hinab bis zum »Indus« Fluss. Die Fahrt ist so beängstigend, dass ich vergesse, die spektakuläre Aussicht zu geniessen. Der Fahrer hat null Spielraum für Fehler. Ein Absturz wäre auf jeden Fall tödlich. Zum ersten Mal in meinem Leben wird mir bewusst, dass ich an Höhenangst leide. Lenny schläft ruhig und Desmond amüsiert sich. Wir hatten mehrere Leute über unser Unterfangen befragt. »Ist die Strecke gefährlich?
Sollten wir als Eltern mit kleinen Kindern die Finger von der Gegend lassen?« Und alle haben uns bestätigt, dass es kein Problem sei. Woher sie diese Information hatten, weiss ich nicht! Dann endlich laufen wir über die wunderbaren Herbstlichtungen und Bergwiesen, geniessen die klare Schneeluft auf 3800 Metern, trekken dem Gletscher entlang und sehen das Gletschertor, den Ursprung des Flusses. Ich werde für die ausgestandenen Ängste bei der Anfahrt mehr als entschädigt.
Einmal mehr geniessen wir den Zauber der Natur. Viele der kupferfarbenen Nadeln der Tannen sind auf den Boden gefallen und bilden ein weiches Waldbett. Majestätisch kreisen die Adler über ihrem Königreich. Zwölf Stunden sind wir in den kommenden Tagen zu Fuss unterwegs und kehren erst kurz vor dem ersten Basecamp um, weil uns der Schnee überrascht. Wir kommen in ein kleines Dorf. Die Holzhäuser erinnern uns an die Bauten von Bibern. Schüchterne, uns misstrauisch musternde Frauen hocken auf kleinen Steinhaufen, schmutzige Tücher bedecken ihre mageren Körper. Sie beobachten uns wie Falken auf dem Jagdflug. Der Winter kommt. Bald werden die Bewohner in die tieferen Täler ziehen. Ein Mann lädt uns in seine Blockhütte ein, wo er uns einen Tee kocht. Die Kräuter sammelt er schnell und gekonnt in seinem wilden Garten. Im Haus ist es dunkel, die Balken sind verrusst. Als Lampe dient ein brennendes Stück Holz auf einer Steinplatte.
Auf dem Rückweg sammeln wir Abfall ein, den Reisende vor uns liegen gelassen haben. Hoffentlich bleibt es nun wenigstens bis im Frühling sauber. Die nächsten paar Nächte verbringen wir in einer Berghütte bei unserem herzlichen Gastgeber Aziz. Um einen gemütlichen Holzofen sitzend, philosophieren wir mit ihm und mit Carlos, einem liebenswerten Kolumbianer, der sich unserem Mini-Trek angeschlossen hat. Aziz strotzt vor Glück. Seine Frau und fünf Kinder wohnen in Gilgit, wo er die Wintermonate verbringe. »Warum er so zufrieden sei«, will Carlos wissen. Er habe einfach alles, was ein Mensch brauche. Er lebe in, von und mit der Natur, er atme die gute Luft der Berge und geniesse die Ruhe. Kaum je haben wir einen so wunderbaren Menschen wie Aziz kennenlernen dürfen. Auf alles hat der gut Dreissigjährige eine einfache, aber weise Antwort. Tief erschüttert sind wir, als wir Monate nach unserer Abreise von Aziz’ tödlichem Unfall erfahren.
Zugegeben, vielleicht können wir nicht ganz so lange in abgelegene Orte trekken wie andere, kinderlose Reisende. Dafür aber öffnen sich uns – oft eben gerade wegen unserer Jungs – immer wieder neue Türen. Eine Einladung folgt der nächsten, und die Einblicke, die wir ins Alltagsleben unterschiedlichster Menschen bekommen, die Freundschaften, die wir knüpfen, sind uns kostbarer als touristisches Sightseeing.
Desmond will gleich hier in Pakistan bleiben. Noch nie habe er ein Land erlebt, in dem man schneller und einfacher Freunde machen könne als hier! Die Region von Gilgit ist weltweit für ihr Berg-Polo bekannt. Jamil, ein herzlicher, aufgestellter junger Mann stellt uns seinem Onkel vor, der Teamcaptain ist und angeblich rund um die Welt bekannt sei, da er für Fernseh-Dokfilme interviewt wurde. Wir treffen ebenfalls sein treues Pferd, mit dem er schon seit 20 Jahren die Spiele austrägt. Am Abend vor einem Match wird gefeiert, erzählt uns der Captain, und wenn sein Pferd diese spezielle Musik höre, werde es ganz kribbelig und tanze im Stall. Obwohl die Spielsaison eigentlich erst nach dem Ramadan beginnt, organisiert die Mannschaft uns zu Ehren einen Übungsmatch. Pro Team gibt es sechs Spieler, die mit Schlägern ausgerüstet sind. Sie versuchen, den orangengrossen Holzball ins gegnerische Tor zu schiessen. Beim Bergpolo gibt es weder einen Schiedsrichter noch strikte Regeln. Es ist fast alles erlaubt. So kann ein Spieler den Ball mit der Hand auffangen und damit durch das Tor reiten. Oder den Gegner zu stoppen versuchen, indem er den Schläger um den Schwanz des Pferdes wickelt und daran zieht. Drein schlagen, abdrängen, zerren, den Schläger des Gegners aus der Hand schlagen, alles ist erlaubt. Die Zuschauer sitzen ungeschützt auf dem Podium und so werden oftmals nicht nur Pferde, sondern auch Fans verletzt.
Wir schliessen Yaqoob, Manager eines Budgethotels, der sich für den Weltfrieden und die Erhaltung der Umwelt einsetzt, sofort in unsere Herzen. Wie so viele pakistanische Männer färbt auch er seine Haare mit Henna (viele färben sogar ihren Bart rot). Yaqoob nimmt sich die Zeit für spannende, kulturverbindende Gespräche. Von seinen Sorgen zu hören, macht uns hilflos. Aus der Hotelliegenschaft soll ein Einkaufszentrum werden. Als Mieter hat er nichts zu sagen und einen zentralgelegenen Ersatzort zu finden, stellt sich als fast unmöglich heraus. Zudem sind die Abwassertanks des Hotels randvoll. Es gibt weder eine Möglichkeit, diese zu leeren, noch den Platz für neue Tanks. Das Wegbleiben der Touristen seit »9/11« bringt das sympathische Kleinhotel, das ein wunderbares Zuhause für alle Reisenden bietet, an den Rand der Existenz. Und als ob es noch nicht genug wäre, lasten auch noch familiäre und gesundheitliche Probleme auf seinen Schultern. Trotz allem gibt Yaqoob nicht auf, nimmt jeden Tag so, wie er kommt. Er und seine Angestellten (vorwiegend seine Neffen) vermitteln seinen Gästen das Gefühl, willkommen zu sein – eine Wärme, wie sie nur wenige Menschen zu geben vermögen. Unsere freundschaftlichen Gefühle sind gegenseitig; Michael wird zum »Brother«, ich zur »Sister«, und unsere Buben nennt er liebevoll »The Rose« (Desmond) und »Bappu« (Lenny). Bei einem gemeinsamen Abendessen in seinem Heim gibt er uns noch tiefere Einblicke in sein Leben.
Seine Frau isst mit ihren Kindern in einem anderen Zimmer. Bei Familienbesuchen bleiben die Geschlechter gemischt, beim Besuch von Fremden getrennt. Ich werde ins Frauenzimmer eingelassen und mit Armreifen und Henna für die Fingernägel beschenkt. Yaqoobs Ehefrau geniesst mehr Freiheiten, als die meisten anderen Frauen im Norden von Pakistan. Sie hat ihren eigenen, kleinen Krämerladen, ist frei, ohne ihren Mann auszugehen und ist ganz klar der »Herr« des Hauses.
Wir trafen Farooq aus Gilgit das erste Mal im chinesischen Kashgar an der Hotelrezeption. Er reist regelmässig nach China, um für sein Schuhgeschäft einzukaufen. In Gilgit bekommt er unsere Ankunft schnell mit (wer redet denn nicht von der Familie mit den zwei blonden Buben!) und lädt uns gleich zum Essen in sein Elternhaus ein, eine grosse Ehre für uns. Im Gästezimmer setzen wir uns auf die Kissen, die den Aussenwänden entlang liegen. Wir sind nervös, wollen auf keinen Fall gegen die Etikette verstossen, wissen aber noch viel zu wenig über die hiesigen Verhaltensregeln. Da beginnt mein Dilemma schon: Soll ich mich neben Michael setzen oder nicht? Wir kucken fragend zu Farooq hinüber, entschuldigen uns für unsere Unwissenheit. »Kein Problem«, sagt er, als aber sein Vater eintritt, wird offensichtlich, dass es sehr wohl ein Problem ist. Ich rücke so weit von Michael weg, wie es räumlich möglich ist. Der Hausherr ist schon älter und trägt einen langen, weissen Bart und einen weissen Schalwar Kameez. Er begrüsst Michael mit einer warmen Umarmung und festem Handschlag. Mich schaut er kurz an. So flüchtig, dass ich eine Sekunde später schon nicht mehr sicher bin, ob er mich wirklich angeschaut hat. Als ich es dann wage, auf eine seiner Fragen, die offensichtlich an den Herrn in meiner Familie gerichtet ist, Antwort zu geben, schenkt er mir einen Blick der Bände spricht … Meine Nerven flattern nervös mit den Fliegen um die Wette. Desmond und Lenny verstecken sich schon seit unserer Ankunft hinter mir. Langsam treffen weitere Familienmitglieder ein: Brüder, Cousins, Onkel, Schwestern, Tanten und Kinder. Sogar die Grosseltern kommen zur »Besichtigung« der Ausländer vorbei. Schliesslich zählen wir um die 60 Personen, 18 davon leben im gleichen Haushalt. Die Männer begrüssen Michael, die Frauen mich. Als die Hausherrin hereinkommt, wird es im Saal ruhig. Sie ist 47 Jahre alt (sieht aus wie 70) und hat acht Kinder im Alter von 12 bis 30. Lächelnd kommt sie auf mich zu. Vor lauter Nervosität fällt mir der Schleier vom Kopf. Ich versuche ihn zu richten und stehe auf das Tuch, das für das kommende Mahl bereits vor uns ausgelegt worden ist. Und als die liebenswerte Frau mir nach drei Umarmungen einen Kuss auf die Backe drücken will, drehe ich meinen Kopf im ungünstigsten Moment und so landen ihre Lippen direkt auf den meinen, was erneut ein kurzes, unbequemes Schweigen auslöst. Die jüngeren Mädchen können sich ein Kichern kaum verkneifen. Wäre die Stimmung nicht so angespannt, hätten wir ein herrliches Komödiantenpaar abgegeben.
Der Abend nimmt seinen Lauf. Ein Onkel giesst uns Wasser über die Hände, wir waschen diese dreimal unter dem dünnen Strahl, dann wird das Festessen serviert. Die ganze Familie hat bereits vor unserer Ankunft gespiesen, so sind wir die Einzigen, die essen. Wir fühlen uns ausgestellt wie in einem Käfig und versuchen die leckeren Spaghetti trotzdem zu geniessen. Da die Pakistani mit ihrer rechten Hand essen und unsere Löffel unglaublich glänzen, vermuten wir, dass das westliche »Werkzeug« extra für uns besorgt worden ist. Farooqs Familie macht uns auch die vielen fremden Einflüsse bewusst, welchen diese Region in ihrer Geschichte ausgesetzt war. Eine Cousine hat sogar »rüeblirote« Haare, blaue Augen und helle Haut mit Sommersprossen. Nach dem Essen »entführen « mich die Frauen in ihre Gemächer. Sie entspannen sich sichtlich, entfernen zum Teil sogar ihre Kopftücher und wollen trotz Verständigungsschwierigkeiten alles über mich wissen. In Zeichensprache macht mir die Hausherrin klar, dass ich sie fotografieren soll. Daraufhin taucht einer der Söhne auf und sagt wütend: »Keine Fotos!« Als Machtbeweis setzt er sich in unsere Mitte, raucht eine Zigarette, wirft die Asche auf den Teppichboden und befiehlt mir, ins Gästezimmer zurückzukehren. Die Frau folgt mir und versucht noch einmal, mich zum Fotografieren zu animieren. Als aber ihr Mann auch noch bestimmt, jedoch lächelnd klar macht, dass dies nicht nötig sei, gibt die Gute auf. Für viele Pakistani sind die weiblichen
Familienmitglieder zu »privat«, um sie abgelichtet auf einem Bild mit anderen »zu teilen«. Auch Farooq ist sichtlich nervös, wir sitzen im gleichen Boot.Als ältester Sohn und unser Gastgeber hat er eine grosse Verantwortung übernommen. Schliesslich hat er uns in sein Familienheim eingeladen. Sollte der Besuch schief gehen, läge die Schuld bei ihm. In Kashgar, weit weg von seinem normalen sozialen Umfeld, war er im Umgang mit mir viel ungezwungener. Er gab mir die Hand, sprach mich direkt an, schaute mir in die Augen. Aus Respekt vor seiner Kultur und vor allem auch vor Michael ignoriert er nun meine Anwesenheit. Im Verlaufe des Abends entspannen wir uns alle, später darf ich sogar mit seinem Vater diskutieren. Die Themen suchen wir uns sorgfältig aus. Jede unserer Bewegungen wird von neugierigen Augen verfolgt, unformulierte Fragen schwirren im Raum herum, Erwartungen sind spürbar, jedoch unklar.
Für uns ist ein Leben in einer so grossen Familie und mit diesen strikten Hierarchien undenkbar. Die Kinder gehören allen, die älteren schauen auf die jüngeren, während die Mütter die Hausarbeiten erledigen. Die ledigen Männer sitzen gemeinsam in einem Zimmer und sehen fern. Die Väter und erstgeborenen Söhne sorgen für das finanzielle Einkommen. Solange jeder seine Aufgabe im sozialen Netz der Grossfamilie übernimmt, funktioniert alles reibungslos. Wir stellen uns vor, dass eine solche Lebensart Frustration hervorbringen kann und ungelebte Träume und Spannungen schafft. Auf der anderen Seite hat die westliche Idee von Privatsphäre wohl auch ihren Teil dazu beigetragen, dass die Menschen zunehmend an Depressionen leiden, und dass unser Wunsch, für sich (allein) zu leben oftmals in die Einsamkeit führt. Mein Leitmotiv »es gibt weder richtig noch falsch, nur anders« bestätigt sich erneut.
Alles in allem ist der Besuch »erfolgreich«, niemand hat sein Gesicht verloren. Wer weiss, vielleicht haben wir sogar ein paar Grundsteine für eine neue Brücke gelegt. Zum Abschied schenkt Farooqs Mutter unseren Buben traditionsgemäss Geld und dann sind wir entlassen. Die kurze Zeit, die wir bei Farooq und seiner Familie verbringen durften, ist von so tiefen Emotionen begleitet, dass Michael und ich in der folgenden Nacht beide davon träumen.
Umza, ein zehnjähriges Mädchen und Jamils Cousine hat in der Schule schon den ganzen Koran in Arabisch auswendig gelernt (da sie diese Sprache nicht spricht, versteht sie jedoch kein Wort davon) und hilft bei den Hausarbeiten tüchtig mit. In ihrem jungen Alter geht sie bereits nicht mehr alleine nach draussen und trägt seit einigen Jahren ein Kopftuch. Sie ist stolz, ihrer Mutter zu gleichen. Umza ist aufgeweckt und freut sich sehr ab unserem Besuch.
Shamshad arbeitet als Koch im Hotel. Obwohl er sich traditionell kleidet und den üblichen Vollbart sowie den hiesigen Schafwollhut trägt, ist er in seinem Denken sehr westlich-liberal und weltoffen. Viele nennen ihn wegen seines Aussehens Osama Bin Laden – was ihn verletzt und nervt. Shamshad ist geschieden und hat einen Sohn, der bei seiner Ex-Frau lebt. Er hatte sehr jung geheiratet, seine Frau vor der Hochzeit kaum gekannt, und so hat es einfach nicht geklappt. Zu unserem Erstaunen treffen wir während unseres Monats in Pakistan mehrere geschiedene Männer.
Sarina, eine 25-jährige Schönheit, hat eine gute Ausbildung genossen. Sie arbeitet mit der Unicef und dem Pfadfinderverband zusammen, wo sie ihr eigenes Büro hat. Muss sie sich geschäftlich mit Männern treffen, ist immer ein männliches Mitglied ihrer Familie dabei. Sie will sich an der Universität weiterbilden, braucht dazu aber die Einwilligung ihres Vaters und Bruders. Diese haben ihre Gründe, eine solche Schulung abzulehnen. Hochschulen haben den Ruf, Liebesaffären zu generieren. Zudem haben bereits Sarinas Schwestern mit höheren Diplomen abgeschlossen. Verheiratet wird sie, wenn jemand genug für sie bieten kann. Bis dahin will sie mit dem Bachelor- Diplom abgeschlossen haben, damit sie sich dann voll und ganz auf ein Leben zuhause, als Mutter und Ehefrau, einstellen kann. Sarina hat eine wunderbare, zufriedene Ausstrahlung, sie ist jedoch auch ehrgeizig und vertraut mir schmunzelnd an, dass sie ihr Uni-Projekt noch nicht aufgegeben habe.
Habib arbeitet als Trekkingführer und wird uns durch seine umgängliche, offene Art bald zum Freund. Wir reden übers Heiraten. Seine Eltern hatten ihm vor zwei Jahren eine Braut vorgeschlagen. Er sei aber noch nicht dazu bereit. Er finanziert die Schulbildung seiner Geschwister und kann erst eine neue (finanzielle) Verpflichtung eingehen, wenn die bestehende abgeschlossen ist. Ob er denn will, dass seine Lebenspartnerin für ihn ausgesucht wird? Auf jeden Fall! Wie sonst könne ein junger Mann in Pakistan eine Frau finden? Beim Vorbeilaufen kurz ihr Gesicht anschauen? Auch wenn er sich noch so verlieben sollte, hätte er keine Chance, die Frau vor der Hochzeit kennenzulernen. Arrangierte Hochzeiten werden normalerweise unter bekannten Familien abgeschlossen. Da kennt man einander und weiss Bescheid über den Charakter der Braut. Solche Heiraten seien viel erfolgreicher. Ob er und seine neue Frau dann im Elternhaus wohnen werden oder ob sie selber einen Haushalt gründen wollen? Zuerst werden sie mit seiner Familie leben, sollte dies nicht klappen, kann eine Sitzung einberufen und gemeinsam eine Lösung beschlossen werden. In Pakistan jedoch, so erklärt uns Habib, werde jemand als Glückspilz angesehen, der bei seinen Eltern leben könne. Seine Verpflichtung, sich um seine ganze Familie zu kümmern, bleibe bestehen, egal wo er sich niederlasse.
In Pakistan grüsst Mann Mann und Frau Frau (wenige Ausnahmen gibt es bei den Touristen). Oft wird die Hand des Gegenübers flüchtig und nur an den Fingerspitzen berührt. Als herzliches Willkommen oder warmes Dankeschön wird mit einer seitlichen Umarmung begonnen, dann werden beide Hände um die Hand des Gegenübers gelegt, losgelassen und das eigene Herz berührt. Frauen geben sich die Hand, umarmen sich und küssen öfters auch mal respektvoll die Backe. Der Kopf wird hin- und hergeschaukelt – das kann so viel wie »ja«, auch mal »vielleicht« oder sogar »nein« heissen. Andere Gesten in der hiesigen Zeichensprache sind das Heraufziehen einer Augenbraue, ein schnelles Kopfneigen zur rechten Seite und ein eigenartiges Zischen.
Mehr als 2/3 der Pakistani gehören zu den Sunniten, etwa 20% zu den Schiiten, die ihre eigenen Moscheen haben und nicht wie die Sunniten 5-mal, sondern nur 3-mal am Tag beten. Im gebirgigen Norden gehören viele zu den Ismailiten. Ihr spiritueller Führer, Aga Khan, lebt in Paris. Die Ismailiten haben keine Moscheen, sondern Gemeinschaftszentren, keine fixen Gebetszeiten, halten sich nicht immer an den Fastenmonat Ramadan, und die Frauen haben eine dominantere Stellung im öffentlichen Leben. Jemand fragt mich sogar, warum ich denn ein Kopftuch trage, das sei doch nur für alte Weiber und seine Frau kleidet mich gleich in einem von ihrer anschmiegsamen, für mich schon fast etwas zu durchsichtigen Schalwar Kameez.
Es ist auch hier Ramadan, das heisst 30 Tage lang tagsüber fasten. An jedem Tag wird einer der 30 Verse des Korans gelesen, wird von Sonnenauf- bis -untergang weder gegessen, getrunken noch geraucht. Jeder Tag beginnt um vier Uhr mit einem Frühstück, dann wird gebetet. Die Idee dieses Fastenmonats ist das Erleben von Hunger und Durst, das Sicheinfühlen können in Menschen, die weniger haben und die leiden. Das Lernen von Akzeptanz, Geduld und das Kontrollieren der eigenen Emotionen. Allabendlich warten die Gläubigen auf den Ruf des Muezzins, der ihnen das Ende des Fastens mitteilt. Kurz davor ist eine elektrisierende Stimmung wahrzunehmen. Die Menschen hasten umher, Geschäfte schliessen ihre schweren Metallrollladen. Strassenrestaurants und Esswarenverkäufer machen sich bereit. Dann kommt der »Startschuss« und ein buntes Treiben macht sich breit. Snacks werden gekauft und freundlich den Mitmenschen offeriert. Innert kurzer Zeit sind die Strassen wie leer gefegt, alle sind zu Hause bei ihren Familien beim Abendmahl. Während einer Busreise bricht der Kondukteur das Fasten (der Muezzin kann während der Fahrt nicht gehört werden), indem er jedem Passagier eine getrocknete Dattel anbietet. Sekundenschnell taucht der Proviant auf und wird grosszügig herumgereicht. Die ganze Nacht wird gegessen und vor allem geraucht. Um 4 Uhr halten wir fürs Frühstück an – Brot und Curry. Interessant sind die Tee- und Snackstände an den Bahnhöfen, die ihre Bänke und Tische hinter grossen Tüchern verstecken. Somit können die Gäste auch während des Ramadans rauchen und trinken, ohne gesehen zu werden. Ein Nichteinhalten des Fastens ist unter gewissen Umständen erlaubt, lange Reisen sind eine dieser Ausnahmen.
Brauch ist, sich nach diesem Monat neu einzukleiden. Die Boutiquen haben jedes Jahr in dieser Zeit ein Umsatzhoch. Trotz Ramadan werden wir auch tagsüber oft zum Teetrinken oder sogar zum Essen eingeladen – während uns unsere Gastgeber zuschauen, was uns jeweils etwas beklemmt zurücklässt.
Ein paar lokale Spezialitäten, die wir serviert bekommen: Getrocknete Aprikosen und Aprikosenkerne, Baumnüsse, Äpfel, Pommes, frittierte Bällchen aus Brotteig (ein bisschen wie »Schenkeli«, aber nicht süss), gebratener Reis mit Nelken, Spaghetti mit Gemüse (Pakistanis lieben Teigwaren), Linsenmus, vor Öl triefendes, verkochtes Gemüse, Raita (Joghurt mit Zwiebeln und Tomaten), frittierte Teigtaschen gefüllt mit Gemüse und Kartoffeln sowie ein Dessert aus Gries, Nüssen und Rosenwasser. Und zu allem immer eine gute Portion Ketchup. Dazu gibt es entweder Chai (Schwarztee mit Milch) mit wahlweise Zucker oder Salz oder in den Bergregionen Kräutertee, oft mit frischem Thymian.
Der »11. September« hatte auf Pakistan grossen Einfluss. Die ausländischen Touristen blieben auf einen Schlag weg. Dafür hat sich China in den letzten Jahren geöffnet, und so kommen von dort mehr und mehr Besucher. Immer wieder erzählen uns Menschen, dass sie sich ausgenützt fühlen, weil ihr Land als Spielball strategischer Machtkämpfe der grossen Nationen missbraucht werde. So hätten z. B. die USA früher Pakistan um Hilfe gebeten, die Taliban starkzumachen, damit sie mit deren Unterstützung die Russen in Afghanistan vertreiben konnten.
Nur wenige Jahre später seien sie nun die »Bösen«, eben gerade, weil sie bei diesem Kuhhandel mitgemacht hatten. Der Regierung wird vorgeworfen, sie fördere Konflikte, anstatt sie zu lösen. In Gilgit z. B. wären die Kämpfe zwischen den Sunniten und Schiiten nie heftig geworden, hätten die
korrupten Führer nicht das Feuer geschürt.. Vor einem Jahr kosteten diese Ausschreitungen wieder um die hundert Menschenleben und Gilgit war während fast drei Monaten lahmgelegt.
Was davon übrig blieb, ist eine riesige Militärpräsenz und Patrouillen. Alle paar hundert Meter steht ein Checkpoint, wo mit aufgestapelten Sandsäcken eine »Mini-Festung« errichtet wurde, aus der Maschinengewehre hervorlugen. Viele hier tragen Schusswaffen. Vor allem in den Bergregionen treffen wir immer wieder auf Menschen, die über der Schulter eine AK-47 tragen. Schiessereien zwischen Familiensippen kamen in der Vergangenheit häufig vor, und viele haben sich das Waffentragen noch nicht abgewöhnt.
Die Stellung der Frauen in Nordpakistan ist für mich oft schwierig zu verstehen. Warum z. B. soll eine Mutter nicht bestimmen dürfen, wenn sie ein Foto von sich selbst gemacht haben will? Warum soll eine Frau nicht entscheiden dürfen, ob und wo sie studieren kann? Warum sollen Frauen nicht selber, ohne die Erlaubnis ihres Mannes, einkaufen gehen können? Hier im Norden treffen wir kaum auf berufstätige Frauen. Wir treffen überhaupt höchst selten auf eine Frau in der Öffentlichkeit. Ein paar wenige Männer bestätigen uns sogar, dass sie ihre Frauen, Kinder und Schwestern schlagen dürfen, sollte dies nötig sein. Schliesslich seien sie ihnen unterstellt. Wir hören sogar von einer Frau, die nach der Geburt ihres Kindes starb, weil ihr Ehemann nicht erlaubte, sie in ein Spital bringen zu lassen. Er wollte nicht, dass ein Arzt ihren Körper sieht. Auf der anderen Seite dürfen wir nicht vergessen, dass vor noch nicht so langer Zeit in Europa Frauen keine Hosen tragen durften, die Väter über die Zukunft der Töchter bestimmten und dass
die Schweizer Frauen erst 1972 das Stimmrecht bekamen. Aber auch in Pakistan sind die Veränderungen diesbezüglich unaufhaltbar und zeigen sich in vielen Situationen und vor allem auch im Süden des Landes. So geht z. B. Iqbals Frau zur Arbeit (als Familienplanungsberaterin), während dem er die Kinder und das Haus betreut. Eine junge Frau im Bus bekommt in aller Öffentlichkeit von ihrem Bruder den Kopf massiert, weil sie Schmerzen hat. Im Internet-Café in Karimabad sitzen oft Studentinnen, die ihr Wissen per E-Learning erweitern, viele von ihnen tragen nicht mal mehr ein Kopftuch. Und bei einer Einladung im südlichen Teil des Landes zeigt sich schnell, wer in diesem Haushalt die Hosen anhat. Die Gesellschaft scheint in drei Gruppen aufgeteilt zu sein: die Männer, die Frauen und die Kinder. Gemischt wird kaum je. So haben z. B. Strassenrestaurants mit Vorhängen abgetrennte Kabinen für weibliche Gäste und Familien. Stadtbusse sind mit grossen Metallwänden in zwei Abteile unterteilt, um den weiblichen Passagieren Privatsphäre zu gewähren. Als westliche Frau, die mit Ehemann und zwei Jungs reist, bekomme ich in den Strassen viel Aufmerksamkeit. Viele der älteren Herren nicken mir freundlich und zustimmend zu. Jüngere Männer schauen entweder neugierig oder sogar bewundernd herüber. Leider gibt es aber auch solche, die ohne Rücksicht auf mich zu laufen und mich rammen, ohne mit der Wimper zu zucken. Gott sei Dank gehören sie zu einer Minderheit, und Rüpel gibt es ja schliesslich zuhause auch.
Nach fast einem Monat verlassen wir das Karakorum Gebirge südwärts und reisen im Schnellzugtempo der indischen Grenze entgegen. Die Gegend verändert sich stark, wird trocken, flach, heisser. Je weiter wir fahren, desto schmutziger, lauter und stinkiger werden die Städte. Die Strasse zur Grenze ist übel. Viel Verkehr, dreckige Luft, Staub, Kloaken, Abfall, überall Tiere, Kot und Menschen, die diese Umstände als gegeben hinnehmen und es schaffen, trotz allem einem geregelten Tagesablauf nachzugehen. Immer wieder sehen wir kleine Kinder, die unbeaufsichtigt die gefährlichsten Dinge unternehmen, da kann ich als Mutter nur noch wegschauen und auf Allah
resp. bald Shiva vertrauen. Auf der langen, geraden Strasse zwischen den zwei Zollgebäuden wimmelt es von Männern in orangen Kleidern (auf der pakistanischen Seite) und blauen Overalls (auf der indischen Seite), die gerade einen Lastwagen voller Zwiebeln entladen. Sie tragen die Säcke an die Grenzlinie, übergeben sie den wartenden Männern, die das Gut zur Inspektion ins Zollgebäude bringen. Wegen dem Jahrzehnte langen Konflikt zwischen den beiden Nationen lässt Indien den Lastwagen nicht in die Nähe der Zollgebäude fahren. Die orangen und blauen Arbeiter werden wie Häftlinge überwacht! Der pakistanische Grenzbeamte lächelt freundlich und herzlich zum Abschied. Vor uns unübersehbar ein grosses Schild: »Willkommen in der grössten Demokratie der Welt!« Der indische Beamte lächelt uns ebenfalls freundlich und herzlich zu und heisst uns willkommen.
Unsere Zukunft ist offen. Wie ein Curry, dem noch die letzten Zutaten fehlen, welche dann bestimmen, ob es scharf, eher süsslich, fad, cremig, fruchtig oder sauer wird. Desmond wird ab Sommer 2007 schulpflichtig, was ein Grund zum Heimgehen sein könnte, aber nicht zwingend ist. Wir könnten uns in Thailand oder China noch einmal für einige Zeit niederlassen und als Englischlehrer arbeiten. Wir könnten den letzten Teil unserer Ersparnisse strecken und ein paar Monate günstige Ferien am Strand machen oder das Geld für ein paar weitere verrückte Reiseabenteuer ausgeben. Zum Beispiel könnten wir in Indien einen uralten Kleinbus kaufen, eine Matratze reinlegen und Überland zurück fahren. Oder zurück nach China gehen und von da aus mit dem Zug durch die Mongolei und Sibirien/Russland nach Europa gelangen. Und wollen wir überhaupt zurück in die Schweiz? Wo sollen wir uns niederlassen, in der Stadt oder auf dem Land? Ist das Leben nicht herrlich? Ist es nicht genial, dass wir alle im Leben immer wieder die Wahl haben, die Weichen selber umzustellen? Wir haben das Glück, Kinder zu haben, die nicht nur aussergewöhnlich angenehme Mitreisende sind, sondern uns immer wieder Erlaubnis geben, flexibel zu reagieren und vorhandene Pläne zu ändern. Desmond sagt jedes Mal: »Was ihr wollt, ist für mich auch gut, so oder so, für mich ist das in Ordnung. « Entscheidungen treffen wir als Familie. Wenn einer von uns länger bleiben will, berücksichtigen wir das. Ein Tag im Park? Kein Problem. Heute einfach im Hotelzimmer spielen? Okay. Lenny ist so oder so glücklich, erwacht jeden Morgen mit einem Lachen auf dem Gesicht. Er ist begeistert von der Art und Weise, wie die Menschen in diesen Ländern auf den Boden spucken und kopiert sie gekonnt. Auch das Beten der Muslime findet er spannend, und so beobachten wir ihn eines Tages unter einem Tisch auf dem Teppich in der gleichen Stellung wie die betenden Männer in den Moscheen. Was Lenny jedoch (noch) nicht versteht, sind Distanzen. Wir können den ganzen Tag reisen, sogar eine Landesgrenze überqueren, und wenn wir dann ankommen, fragt er, ob wir nun wieder ins gleiche Hotel gehen.