Gestern Nacht machte ich eine geistige Reise. Und zwar versetzte ich mich in die Rolle eines China-Greenhorns. Was, so fragte ich mich, würde mir auffallen, wenn ich zum ersten Mal ins Reich der Mitte käme. Oder umgekehrt, was wird für uns anders sein, wenn wir in Europa ankommen?
Der Supermarkt. Als schon fast halbe Chinesen gehen wir durch die Regale des lokalen Supermarkts und fühlen uns zuhause. Die fremden Produkte sind uns nicht mehr fremd, im Gegenteil, wenn uns ein Ausländer danach fragt, sind wir gar überrascht, dass dies und jenes einem auffallen könnten.
Heute gehen wir zum ersten Mal bewusst durch den Supermarkt. Bewaffnet sind wir mit einem Notizblock und Schreiber und mit weit offenen Augen.
Die Tiefgarage, die so wie es aussieht gleichzeitig Abfalldepot und öffentliche Toilette ist, führt direkt vor den Supermarkt mit dem Namen Neunundneunzig. Die Zahl Neun bedeutet in China auch „lange Zeit“, 99 ist also schon sehr lange. Traditionsgemäss schenkt z.B. ein Bräutigam seiner Braut 99 Blumen (oder auch mal 99 Kuscheltierchen) um eine lange Ehe vorauszusehen. Wir bereiten uns auf einen laaaangen Einkauf vor.
Vor dem Eingang des sich im Keller befindenden und mit Neonleuchten überaufgehelltem Geschäfts stehen drei Kindermaschinen. Imitationslokomotiven mit einem Schlitz für eine Münze. Wie bei uns wird das kleine, ungeduldige Kind auf den Sitz gehockt und schon beginnt die laute Musik und das Geschaukel. Die neueren Modelle haben sogar einen Bildschirm eingebaut, der gleichzeitig zur Fahrt noch einen Trickfilm ablaufen lässt. Neben dem Kinderbahnhof hat es Schliessfächer, denn Kunden dürfen ausser ihrer Handtasche nichts in den Laden bringen.
Ein gelangweilter Angestellter lehnt gegen die vier rostigen Einkaufswägelchen, die auch schon bessere Zeiten gesehen haben. Die Schultern des Herrn hängen tief und als ich eines der Wagen seiner Obhut entziehe, schaut er nicht mal auf. Auf der anderen Seite hockt eine ebenso unzugängliche Verkaufsperson. Ihre Aufgabe ist die Bewachung (und der Verkauf, falls jemals ein Kunde kommen wird) von relativ teurem Alkohol und Zigaretten. Noch kaufen die meisten Einheimischen in den viel günstigeren Frischmärkten und Tante Emma-Läden ein. Der höhere Preis der „99-Produkte“, so könnte man meinen, wäre durch eine schöne Präsentation gerechtfertigt. Aber so weit denken wohl die Marketingleute der Supermarktkette nicht. Denn auch hier liegt überall Abfall rum, leere Schachteln, Suppenreste und andere, schwieriger zu definierende Sekrete. Die Farbe an den Wänden blättert ab, Röhren und Kabel hängen ungeschützt von der Decke. Kurz gesagt, der 99 macht nicht zum langen Einkaufserlebnis an, sondern eher zum „rein und raus in fünf Minuten“.
Die erste Regalreihe bietet lokale Geschenksprodukte an. Verschiedene Tees, Kekse und andere Süssigkeiten (z.B. Ingwerzucker, Taro- und Maronenkuchen, usw.). Gegenüber stehen die Getränke. Vor allem kleine Tetrapacks mit süssen Kräutertees, noch süsseren Früchtemilchs, Getränke mit Gelees drin und eines der Lieblinge Chinas: Apfelessig zum Trinken. Die nächste Reihe behaust Schokolade, Schleckereien, Bonbons und Zucker. Hier fallen uns vor allem die glänzend verpackten, winzigen und herzigen Bonbons auf, die inmitten der anderen Schleckereien gelagert werden. Der Schein täuscht, denn in der Silberhülle steckt nichts aus Zucker, sondern kleine Rindfleischstückchen. In China gibt es keine Trennung zwischen Hauptmahlzeit und süsser Nachspeise.
Bei den getrockneten Früchten verhält es sich ähnlich und davon gibt es ein riesiges Angebot. Jede Frucht, die frisch verkauft wird, wird auch getrocknet. Und zwar meistens mit Zucker, Salz und Lakritze, auch mal mit Pfeffer oder Chillies.
Die nächsten vier langen Ablagen sind vollgestopft mit präservierten und Vakuum verpackten, zum Teil sehr scharfen Hühnerfüssen (eine Delikatesse), ganzen Fischen und Fleisch-, Knorpel- und Tofusnacks. Diese handlichen Plastikpackungen sind beliebte Zwischenmahlzeiten; denn Chinesen snacken gerne.
Jetzt kommen wir zu den unzähligen Nüssen und Samen, die mit den unglaublichsten Geschmacksverstärkern angepriesen werden. Und selbstverständlich sind sie immer in ihren Schalen und Hülsen und werden erst vom Konsument genüsslich und geduldig geschält. Grüntee-Sonnenblumenkerne, süsse Melonenkerne und letzthin haben wir sogar Kürbiskerne mit BubbleGum-Geschmack gefunden.
Daneben werden Pommes Chipes verkauft. Da finden wir schon auch westliche Aromen wie „mit Salz“, „Barbeque“, aber auch „Gurkengeschmack“ (mein Liebling) oder „mit Mango- und Limettenaroma“.
Drei grosse Regale sind für die Pulvermilchprodukte reserviert. Die verdienen den Geschäften neben den Likören das grösste Geld und werden für viele Familien zum finanziellen Ruin. Denn die Werbung und das allgemeine Getuschel gaukelt vor, dass ein Kind nicht optimal gedeihen kann, wenn es nicht von Nestle und Co. gefüttert wird. Es gibt gar schon Pulvermilchbüchsen für Schwangere…. denn schliesslich kann man nie genug damit anfangen! Die Propaganda verheisst super intelligenten Nachwuchs, der in der Schule ganz vorne stehen werden, wenn sie doch nur die spezielle Pulvermilch trinken und zwar gibt es die für bis 12 jährige. In ländlichen Gegenden kann so eine Büchse bis zu einem Viertel eines durchschnittlichen Monatslohns kosten. Man muss sich diesen Wahnsinn mal vorstellen!
Hundefutter wurde auch mal gelagert, aber mit den wenigen nach westlichen Ideen gefütterten Haustieren, liegen nun die abgelaufenen „Pedigree“-Säckchen verstaubt und unbemerkt auf dem unteresten Regal.
Wir gehen um die nächste Ecke und vor uns liegt das Keksschlaraffenland. Kekse und Crackers, z.T. gefüllt mit Erdbeersauce oder Seealgen und natürlich fehlt die beliebte Rote-Bohnen-Paste auch nicht. Viele der Verpackungen kommen mit Bändern, Griffen und Glanz. Dann entdecken wir die westliche Ecke: Nescafe, kondensierte Süssmilch in der Dose und Heinz Babynahrung.
Das farbigste Regal ist das mit den Fertignudeln. Also die Kartonschüsseln in Plastik eingepackt. Oeffnet man den Deckel findet man kleine Sachets mit Gewürzen, Fett, Trockenfleisch und Gemüse. Angerichtet wird das Instantessen mit heissem Wasser. Die Nudeln sind so beliebt, dass wir in unserem Dorf oft kleine Kinder auf dem Schulweg beobachten, die schnell unterwegs noch einen solchen Topf Nudeln zum Frühstück verspeisen.
Für die ganz Kleinen gibt es auch eine Ablage. Da sind dann die Nudeln lustig geformt (ein wenig wie unsere Buchstabensuppen) und klein geschnitten und zum Teil sogar frei von Zusätzen, also in die Richtung von „Bio“. Wenn Babys in China zu essen beginnen, bekommen sie oft zuerst Reisporridge und Nudelbrühen.
Frisches Gemüse, Obst und Eier werden ähnlich wie bei uns offen angeboten, dann in Plastiktüten verpackt und nach dem Wägen mit einem Preiskleber versehen. Das Angebot ist jedoch stark beschränkt, weil ja sowieso fast jeder auf dem Bauernmarkt einkauft.
Neben dem Regal mit den unzähligen Saucen (von der einfachen Soyasauce bis zur schwarzen Bohne mit Chillie Sauce) stehen Gefriertruhen und darin liegen Fleisch- und Fischbällchen, chinesische Ravioli (Dumplings) und gefülltes und gefrorenes Dampfbrot. Die „Pick’n’Mix“ Süssigkeiten Abteilung ist riesengross und es herrscht ein für uns undefinierbares Durcheinander. Da hat es kleine Schokoladen und Bonbons, aber auch Mais förmige Gelees mit Mais Geschmack und mundgerechten Plastiktütchen gefüllt mit eingemachtem Gemüse und Fleisch.
A propos Fleisch. Wir hatten uns schon öfters gewundert, ob die im 99 Supermarkt auch Frischfleisch verkaufen, aber nie welches gesehen. Heute entdeckt Desmond ein paar blutige Schweinsoberschenkel und zwar offen und uneingepackt im Kühlschrank neben der Cola und dem Nestle-Joghurt.
Der ganze zweite Teil des wohl um die 300 m2 grossen Ladens ist mit Haushaltwaren und Kosmetikprodukten belegt. Sogar Pampers gibt es mittlerweile zu kaufen. Ab und zu spüren wir auch mal eine Schachtel „ob“ auf. Gute Tupperware ähnliche Produkte gibt es auch und eine grosse Auswahl an Shampoos, Seifen und anderen wohl riechenden Flüssigkeiten. Nur werden die Verkäuferinnen dieses Sektors wohl nach Umsatz „ihres“ Produkts bezahlt, denn kaum betritt man ihr Territorium, stürzen sie wie Geier auf die potentiellen Kunden und versuchen einem etwas anzudrehen. Der Herr, der jedoch ganz klar die Kosmetikabteilung dominiert und von allen Seiten und Produkteverpackungen auf uns zu lächelt, ist Jacky Chan. Er scheint sich mit Werbung im Reich der Mitte eine goldende Nase zu verdienen.
Viele der Marken sind uns unbekannt, wie z.B. das „Shit-ao“ Shampoo, Grosskonzerne wie Colgate (Unilever), Dettol etc. sind aber ebenso vertreten.
Zwei Kassen (mit Barcode Systemen und der Möglichkeit mit der Bankkarte zu bezahlen) stehen vor dem Ausgang. Gleich daneben macht der 99 noch einen letzten Versuch ein paar nützliche Dinge los zu werden: elektrische Wärmedecken, warme Jacken, Kondome und Gillette Rasierprodukte (dies vorwiegend für die Ausländer, da sich viele Chinesen nicht rasieren müssen), Kaugummis (alle zuckerfrei!), Schokolade und Flaschen mit Fruchtsäften, die jedoch in China nie mehr als maximum 30% Fruchtsaft enthalten.
Ob wir eine Plastiktüte möchten, fragt die nette Kassiererin im „99“ T-Shirt, das kostet dann aber noch extra. Eine Kollegin von ihr hilft, die gekauften Artikel (Schokolade…) in die gelbe Tasche zu legen; wir bedanken uns und freuen uns darüber, heute als so-tun-als-ob China-Greenhörner eine ganz neue Erfahrung gemacht zu haben.