Wenn die Jugend daran interessiert ist, uralte Traditionen aufrecht zu erhalten, dann ist die Welt wohl noch in Ordnung. Hier, im Herzen der Schweiz, auf dem Dorfplatz, da wo die Schwyzerstrasse beginnt, ist dies der Fall.
Es begann am 6. Januar, dem Tag, den wir Schweizer als Dreikönigstag feiern und zwar mit dem traditionellen Süssbrotkranz, bei dem eine Königsfigur eingebacken wurde. Wer beim Essen den König erwischt, regiert einen ganzen Tag lang.
Angenehm gesättigt, mit Lenny als frisch gekröntem König, sassen wir an jenem Abend in der warmen Stube, als plötzlich von Draussen ein ohrenbetäubender Lärm zu uns gelang. Erschrocken rannten wir auf den Balkon und schauten hinunter. Je älter man wird, desto weniger oft wird man von etwas überrascht, dass man noch nie erlebt hat. Umso erfreuter waren wir über das uns bietende Spektakel. Erst später erfuhren wir den Namen und Grund der Vorführung.
Seit Jahrhunderten ist die so genannte „Greiflet“ in Schwyz bekannt. Auf gut Deutsch nennt man den Brauch auch „Einschellen“. Mehr als hundert Männer, gekleidet in weissen Hirtenhemden, versammeln sich alljährlich am Dreikönigstag. Ein jeder trägt zwei riesige Glocken an einem Joch. In einer langen Reihe gehen sie und schellten die bösen Geister fort. Nach den Schellen kommen die „Geisle-Chlepfer“, also die Peitscher: Kräftige Burschen mit langen Peitschen, die sie gekonnt und mit viel Lärm durch die Luft jagen.
Tagsüber spazieren die Nachwuchstrychler (Trychler sind die mit den schweren Glocken) von Haus zu Haus, um die domestizierten Geister gegen ein paar Süssigkeiten zu vertreiben. Sie wechseln sich mit den Sternsingern ab, die schon seit Weihnachten hausieren und vor den Türen singen. Gegen eine Spende für gute Zwecke segnen sie den Haushalt und bestätigen dies mit einer ganz speziellen Signatur. Mit Kreide schreiben sie nämlich C+M+B und die Jahreszahl (die ersten 2 Zahlen vor dem C und die zweiten 2 Zahlen nach dem B) auf die Türrahmen. In älteren Abhandlungen glaubte man es handle sich bei dieser Inschrift um die Initialen der drei Könige, heutzutage denkt man jedoch, dass es sich bei CMB um eine Abkürzung des lateinischen „Christus mansionem benedicat“ handelt, was so viel bedeutet wie: Christus, segne dieses Haus!
Die Greiflet ist der Abschied von Weihnachten und zugleich der Startschuss für die Schwyzer Fasnacht, eine der ältesten und traditionsreichsten der Schweiz.
An jenem Abend ahnten wir noch nicht, wie Fasnacht verrückt die Menschen dieser Gegend wirklich sind… und zum Schluss, fast zwei Monate später, wurden auch wir beinahe zu begeisterten Fasnächtlern!
Während ungefähr sieben Wochen finden immer wieder neue Fasnachtsanlässe statt. Und die Jungs hatten ihre Freude daran, insgesamt fünfeinhalb Tage schulfrei zu bekommen!


Das „Nüsslen“ ist in dieser Region tief verankert. Jeder Einheimische wächst damit auf (unseren Jungs wurde der Nüssler-Tanz sogar in der Schule beigebracht) und hat ein Kostüm zuhause. Verschiedene Gestalten machen beim Nüsslen mit. Es sind Kostüme, die ursprünglich vom italienischen Harlekin beeinflusst waren. So gibt es zum Beispiel den Blätz, das Hudi, den alten Herr, das Domino und andere. Sie führen einen federnden Tanz auf, bei dem sie von Fussspitze zu Absatz hüpfen und verteilen dabei Orangen und Süssigkeiten. Vor langer Zeit hätten sie Nüsse und Äpfel verteilt, vermutete man, wegen dem Namen „Nüssler“. Manchmal fordern sie ihr Publikum dazu auf, laut zu schreien und geben erst dann eine Gabe. Der Tanz, der übrigens nie unterbrochen wird, wird von Trommeln begleitet, die schon fast tranceähnlich immer den gleichen Rhythmus spielen.
Wird nicht genüsslet, gibt es auch noch andere Fasnachtsanlässe: so z.B. die tollen Umzüge, die abendlichen Maskenbälle und natürlich die „Guggemusig“: Die verkleideten Orchester, die so richtig einheizen und mitreissen.
Am letzten Abend der Schwyzer Fasnacht wird noch einmal so richtig genüsslet. Das ganze Dorf, jung und alt, scheint anwesend. Die verkleidete Masse bewegt sich im Kreis, bis der Moment des Abschieds kommt. Die Jasskarte des Schellenunder wird unter den Schachtdeckel auf dem Dorfplatz (der übrigens kein „echter“ ist, also kein Schacht darunter hat) gelegt und bleibt bis zum nächsten Jahr da liegen. Die Fasnächtler entfernen nun ihre Masken und dann herrscht im Dorf schon fast eine unheimliche Ruhe.






das ist ja toll! Vielen Dank für die Kurzfilme! So bin ich doch noch in den Genuss vom “Nüssler” gekommen, musste diese Fasnacht nämlich Nachtwache schieben (arbeite als Hebamme) und war nicht dabei beim närrischen Treiben. Schön, dass ihr euch habt anstecken lassen
Lieber Gruss
Miriam
Liebe Miriam
Es freut mich, dass dir die Filme ein wenig Nüssler geben.
Da wir direkt am Dorfplatz wohnen, hiess es entweder “sich anstecken” lassen oder griesgrämig werden…. keine schwierige Entscheidung
Nadine
Ja, liebe Nadine, dein Grossvater von Siebnen war schliesslich ein grosser echter Fasnächtler, der sich jeweilen so verkleidete, dass man ihn selten erkannte. Als grosser Tänzer hatte er einzig etwa mit einem Frauenkostüm Probleme, da er auch als “Frau” nur mit Frauen tanzte und das damals noch nicht so üblich war wie heute. Ich persönlich war nur während der Schulzeit aktiv.
Liebe Grüsse Papi
Tolle Story, tolles Bildmaterial – vielen Dank! Es ist schön, dass im Kanton Schwyz alte Traditionen gepflegt werden.
Sind soeben aus Südostasien zurückgekehrt. Liebe Grüsse Cornelia und Freddy Kugler
@ Cornelia und Freddy
Danke für die lieben Worte und willkommen wieder Daheim