Eltern als Lehrer – eine gute Idee? Wenn die Kinder sesshaft werden wollen.

School in China

Langsam verstehen wir, dass wir uns niederlassen. Die letzten Produkte aus dem Ausland sind aufgebraucht: die Gesichtslotion aus Malaysia, die Zahnpasta aus Mexiko, der Deo aus den USA. Die ersten Besucher waren da und machten unsere temporäre Bleibe zum Daheim. Die Kinder verlieren langsam ihre Aufregung darüber, dass sie hier an jedem Wasserhahn trinken können.

Und obwohl unsere Herzen immer mal wieder nach Asien und den Mittleren Osten wandern, kommen wir mehr und mehr hier in der Schweiz an. Unsere Mitmenschen sind uns gut gesinnt. Michael arbeitet schon seit mehr als einem Monat wieder und die Jungs haben sich unglaublich gut in der neuen Schule eingelebt. Es läuft wie am Schnürchen.

Es ist Zeit, das Chaos in unseren Köpfen ein wenig zu ordnen. Die acht Monate im Camper haben mir unzählige Stunden beschert, in denen ich einfach da sitzen musste und einer öden Landschaft zuschauen. Und genau diese langen Momente brachten scheinbar viele Antworten und Anstösse. Irgendwie habe ich das Gefühl, durch die passive Verarbeitung einen grossen Schritt in meiner eigenen Entwicklung weiter gekommen zu sein.

School in Thailand

Ein Thema, das uns natürlich stark beschäftigt, ist das Erwachsenwerden unserer Kinder. Seit geraumer Zeit teilen sie unsere Liebe zu Asien nicht mehr. Sie haben ihre eigenen Vorlieben gefunden. Desmond meinte vor der Heimkehr noch, dass wir uns bitte erst wieder in Asien niederlassen sollen, wenn er alt genug sei um auszuziehen. Die Jungs wollten sich niederlassen und zwar in der Schweiz.

Vor ein paar Wochen las ich die durchaus berechtigte Frage im Blog einer sich in der Vorreiseeuphorie befindenden Familie: „Was tun, wenn das Reisegeld alle ist?“ Und obwohl das ganz und gar keine schlechte Überlegung ist, trafen wir doch eher Familien (inklusive uns selber), die sich fragten, „Was, wenn die Kinder (oder die Eltern) heim wollen?“

Für uns war eines von Anfang an klar: Wenn es nicht mehr für alle Vier stimmt, dann reagieren wir. Aber als es dann soweit war, bewies sich der darauf folgende Prozess als nicht so einfach.

Lenny war seit Monaten nicht mehr wirklich bei der Sache und schwärmte mehr von seinen Spielsachen in der Schweiz als von der umwerfenden Natur um uns herum. Es war das Startzeichen, uns langsam an den Gedanken eines geregelteren Lebens, einem „Zuhause“, zu gewöhnen. Monate brauchten wir, um uns damit anzufreunden. Als dann auch noch Desmond am letzten Schultag unseres „Homeschooling“ verkündigte, dass er davon ganz schön die Schnauze voll habe, wussten wir, dass wir die richtige Entscheidung getroffen hatten.

School in Mexico, in the camper.

Sicher wird es in der öffentlichen Schule nicht immer nur rosig sein (in meinen Augen haben alle Formen von Schulung ihre Vor- und Nachteile), aber das Leuchten in den Augen unserer Kinder beim Betrachten des neuen Stundenplans, die Aufregung nach dem ersten Schulsporttag und der Moment, als ihre Klassenkameraden ihnen für eine Arbeit Lob aussprachen, vergesse ich wohl nie mehr. Es gibt Dinge, die eine daheim-schulende Mutter einfach nicht bieten kann.

Die Rolle der Mutter abzulegen und in die Rolle der Lehrerin zu schlüpfen, war sehr bereichernd, interessant und ich möchte diese Erfahrung nicht missen. Gleichzeitig aber, war es nicht immer einfach. Entweder lehrte ich mit unfairer, ungeduldiger Strenge (schliesslich sollten die eigenen Kinder immer gleich alles begreifen…) oder dann liess ich mit mütterlichem Mitgefühl und Sanftmut so einiges zu viel durchgehen. Ein paar Tränen der Schüler und ich wurde entweder weich oder wütend. Als Mutter-Lehrerin nicht emotional involviert zu sein, ist beinahe unmöglich. Den Mittelweg zu finden gelang mir oft, aber nicht immer.

Als Familie viel Zeit miteinander zu verbringen, ist toll, aber den Familienkram „daheim“ zu lassen, wenn die virtuelle Schulglocke läutet, ist nicht einfach. „Mami, ich will dir nur noch schnell was erzählen…“ hiess es oft oder „Mami, hast du dran gedacht, dass wir heute Nachmittag noch…“. Und in meinem Kopf  kreisten mehr als einmal die Gedanken „Eigentlich hätte ich noch sooo viel zu tun, wenn doch nur die Jungs schneller arbeiten könnten, damit sie eher fertig wären!“

Sicher waren unsere drei gemeinsamen Schuljahre ein wunderbares Geschenk für die ganze Familie und die Eindrücke ausserhalb der Schule, also während der Reise oder während unserer Zeit im Hotel in China sehr, sehr wertvoll. Die Jahre „on the road“ haben uns geformt und ein starkes Fundament beschert. Aber der Zeitpunkt war gekommen, unsere Kinder in einer öffentlichen Schule zu integrieren, ihnen „Normalität“ zu schenken und die Verantwortung für ihre Ausbildung wieder breiter zu streichen.

Desmond und Lennys Selbstvertrauen ist in den letzten Wochen bereits gewachsen, denn jetzt können sie sich plötzlich an Mitschülern messen. Ihre Welt hat sich vergrössert, weil sie sich nun auf ihren eigenen Weg machen; sich abnabeln. Für sie zählt das Hier und das Jetzt und im Moment scheren sie sich kaum darum, ob sie nun die halbe Welt bereist haben oder nicht. (Obwohl ich hier anmerken möchte, dass Desmond seiner Klasse stolz eine List von bereisten Ländern gezeigt und Lenny seinen neuen Kameraden Münzen aus aller Welt geschenkt hat.)

Eine Freundin von mir, Karin, hatte ein ähnliches Erlebnis. Sie waren mit ihren zwei Jungs ein Jahr um die Welt gereist. Unglaubliche Abenteuer hatten sie erlebt und wunderbare Erlebnisse gehabt. Als ihre Kinder nach der Rückreise hörten, dass die Schulklasse im vergangenen Jahr für die Schulreise ins Tessin gefahren waren, meinten sie enttäuscht: „Es ist aber schade, dass wir das verpasst haben. Die sind soooo weit weg gegangen und das ohne uns.“

Hinterlasse eine Antwort

Pflichtfelder sind mit * markiert.


4 − 3 =