„Autsch, das war knapp!“, verziehe ich mein Gesicht. Nervös stehe ich auf meinen Zehenspitzen in einer kleinen Gasse irgendwo in einem Vorort von Mexiko City und schaue zum höchsten Punkt des Campers. Michael versucht unseren Alfie langsam unter den glitzernden Girlanden durch zu mogeln. Er leistet Millimeterarbeit. Schon das dritte Mal in einer Stunde.
Alles wäre nicht mal so schlimm, wenn es nicht Markttag wäre. Sonntag! Wir sollten es bereits gelernt haben. An einem Sonntag in Mexiko in die Dörfer und Städte hinein zu fahren, ist keine gute Idee. Sowieso, es war ja gar nicht unsere Idee. Den Schlamassel haben wir einmal mehr unserer Wendy zu verdanken!
Nein, nicht unsere Wendy vom Outside Inn Hotel in China, sondern unser GPS-Gerät, das wir liebevoll nach Wendy benannt haben. Schliesslich musste auch die chinesische Wendy jeden Tag mehrmals über den Weg Auskunft geben.
Mit der GPS Wendy erleben wir öfters wilde Abenteuer, peinliche Situationen, schweisstreibende Momente und so fragen wir uns regelmässig: „Sollen wir Wendy folgen oder der Landkarte?“
Heute hat Wendy beschlossen uns weg von der (leeren!) Umfahrungsstrasse zu führen und stattdessen die engen Strässchen der Vororte zu wählen. Ihre Instruktionen bringen uns auf eine holprige Dreckpiste, an einem VW-Käfer Friedhof vorbei, durch heruntergekommene Gegenden (hier riechen wir auch die Grossstadt) und in die Herzen mehrerer, lebendigen Dörfer. Ein Polizist mit Maschinengewehr und schusssicherer Weste winkt den Verkehr am Marktleben vorbei und fällt fast um als er unseren riesigen Alfie erspäht. Wie soll ich den durch das Dorf lotsen – und zudem am Markttag (!) – scheint er zu denken, als er uns zulächelt und zögernd durchwinkt. Ein paar vergnügte Frauen in Flamenco-Dress tanzen vor uns über die Strasse und schwingen ihre weiten Röcke. Kinder lächeln uns zu.
Immer wieder schlägt Wendy vor die nächste Strasse links einzubiegen und immer wieder müssen wir das GPS enttäuschen und sie den Weg neu „berechnen“ lassen. Denn unser Alfie schafft es oft nicht um die engen Ecken, wo parkierte Fahrzeug die Strasse noch schmäler machen. Er schafft es auch nicht unter tief hängenden Kabeln, Baumästen oder Girlanden durch. Und die Einbahnstrassen, die uns Wendy schmackhaft machen will, können wir auch nicht befahren!
Michael ist voll konzentriert; seine Augen flippen durch die Gegend wie ein Scanner-Gerät. Hat es eine Strassenschwelle (die berühmten Topes…), wird die Strasse eng, die Durchfahrt kritisch, hängt eine Überraschung vom Himmel runter, rennt ein Kind oder Tier über die Strasse…?
Nach drei Stunden kommen wir sicher auf dem Zeltplatz an. Dank Wendy liegen unsere Nerven roh, aber dank Wendy kamen wir heute dem Land und seinen Menschen wieder einmal viel näher als die Autobahn zugelassen hätte. Uns so ziehen wir den Stecker raus, legen unser Wundergerät in seine weiche Tasche und freuen uns auf das nächste Abenteuer mit Wendy.
