Geniessen wir nicht alle die Zeit, die wir mit unseren Kindern verbringen? Und auf Reisen sind wir uns so richtig nahe. Familienidylle. Toll, ja?
Reisen mit Kindern ist wertvoll, bereichernd und lässt einen sehr engen Bund zwischen den Familienmitgliedern wachsen. Und doch ist das Familienglück mit einem Flug in die Ferne nicht einfach gesichert. Für eine erfolgreiche Reise braucht es mehr. Eine Freundin von mir schrieb vor kurzem: „Nur weil wir auf Reisen sind, werden wir nicht alle zu Engeln.“ Weise Worte.
Während den Jahren, die wir unterwegs verbrachten, vor allem aber auch in der Zeit, in der wir ein kleines Hotel in China leiteten, trafen wir immer wieder auf Familien, die von ihrer Reise enttäuscht waren. Sogar welche, die kurz davor standen frühzeitig heimzureisen. Sie hatten Erholung erwartet, stattdessen gab es viel Streit und viele Tränen.
Nachdem auch wir dieses Mal in der eigenen Familie überraschende Anpassungsprobleme zu bewältigen hatten und als Folge vermehrt Zweifel an unserer Reise verspürten, stellen wir uns die Frage nach dem Rezept zum Erfolg. Was macht eine Familienreise zur positiven und bereichernden Erfahrung für alle Familienmitglieder? Und welche wichtigen Faktoren sollten dabei beachtet werden?
- Abschied nehmen braucht Zeit.
Nicht nur das Aufwiedersehen sagen zuhause, sondern auch das Loslassen nach Ankunft am Reiseziel kann schwierig sein und Zeit erfordern. Leerraum für neue Eindrücke muss geschaffen werden. Hatten wir im Hotel Gäste, die direkt vom letzten Arbeitstag zu uns kamen, brauchten sie meistens mehrere Tage bis Wochen, bevor sie sich entspannen konnten und bereit waren, sich auf Neues einzulassen.
- Kinder können uns einen Strich durch die Rechnung machen.
Kinder machen beim Pläne einhalten nicht immer so mit, wie wir uns es erhofft haben. Manche Familien hatten für ihren Aufenthalt in unserem Hotel ein volles Programm geplant, merkten aber schnell, dass nur ein Kompromiss zwischen Spielzeit im und ums Hotel, kurze Spaziergänge, Plantschen im Fluss und dem Programm der Eltern alle Beteiligten zufriedenstellte. Wer mit Kindern reist, plant wohl am besten spontan jeden Tag so wie er kommt.
- Mir ist langweilig! Kinder brauchen unterwegs mehr Unterhaltung.
Wer sich gewöhnt ist, dass seine Kinder zuhause alleine und ruhig in ihrem Zimmer oder mit Freunden spielen können, wird auf Reisen möglicherweise feststellen, dass die Kinder plötzlich mehr Unterhaltung verlangen und schneller gelangweilt sind. Schliesslich haben sie einen grossen Teil ihrer Spielsachen und Bücher zuhause gelassen und gegen ein winziges, steriles Hotelzimmer oder ein enges Zelt eingetauscht. Auf der anderen Seite sind Kinder jedoch unterwegs oft stundenlang mit Kleinigkeiten zu begeistern, einfach weil die ganze Umgebung fremd und neu ist.
- Alltagsarbeiten werden zu Herausforderungen.
Unterwegs haben wir ganz klar weniger Alltagsarbeiten zu bewältigen, aber die, die zu erledigen sind, brauchen mehr Zeit. Nur schon das Wäsche von Hand schrubben nimmt einen Teil unseres Morgens ein. Muss ein bestimmter Artikel gefunden werden, z.B. passende Kinderschuhe, kann das schon mal eine richtige Herausforderung darstellen. Mahlzeiten müssen organisiert werden: entweder ein passendes Restaurant gefunden oder Nahrungsmittel eingekauft und zubereitet werden. Bus- oder Bahnbillete für eine Weiterreise zu besorgen kann auch mal einen ganzen Tag in Anspruch nehmen. In Indien brauchte ich einmal acht Stunden, um ein kleines Paket per Post zu verschicken. Und das ohne Kinder!
Unterwegs tickt die Uhr anders und Dinge, die zuhause banal erscheinen, werden plötzlich zu hohen Hürden. In der vertrauten Umgebung wissen wir genau wo wir was kaufen können, wer welchen Dienst anbietet und haben eine gut eingespielte Tagesroutine. Auf Reisen ist alles fremd und muss zuerst erlernt und erkundigt werden.
Hier möchte ich erwähnen, dass eben genau solche Herausforderungen den Reiz des Reisens darstellen, ihre Erledigung ein tiefes Gefühl an Befriedigung auslöst und ein langes Suchen oder Anstehen uns den Menschen und Sitten des Gastlandes näher bringen.
- Gefühle spielen verrückt.
Viele von uns sind auf Reisen, vor allem in den ersten Wochen, nervöser und schneller gereizt als zuhause. Schliesslich sind wir weit weg von unserer gewohnten, „sicheren“ Umgebung und tragen eine wichtige Verantwortung für unsere Familie (und das Gelingen der Reise). Kommt hinzu, dass auf Reisen oft ein Gefühlsausgleich, ein „Ventil“ fehlt: zuhause treiben wir vielleicht regelmässig Sport, haben eine befriedigende Arbeitsstelle, Treffen uns mit Freunden, gehen einer wöchentlichen Weiterbildung nach, wissen wie und wo wir uns zurückziehen können oder laden ab und zu unseren Frust (oder die Kinder) bei den Grosseltern ab. Obwohl wir uns auf Reisen tief entspannen, liegt doch ein Druck auf uns, die Kinder heil und behütet durch die Welt zu bringen. Kommt die Zeitverschiebung, das fremde Essen, das Fehlen an Routine, gestörtes Schlafen und Lärm, feuchte Hitze und Umweltverschmutzung hinzu, dann braucht es nur noch ein nörgelndes Kind und schon explodiert der eine oder andere Elternteil mal.
Reisen bringt in uns oft Seiten hervor, die wir im normalen Alltag nicht kennen (oder verstecken) und so haben wir manchmal alle Hände voll mit uns selber zu tun. Die Kinderwünsche mit den eigenen Bedürfnissen unter einen Hut zu bringen, braucht schon mal eine extra grosse Portion an Geduld, Ruhe und Zeit.
- Warum sind die Kinder plötzlich so anhänglich?
Wenn alles Vertraute weg ist und sogar die Eltern manchmal unsicher erscheinen, dann brauchen Kinder oft (noch) mehr Zuneigung, Geduld, Rückversicherungen, Halt und Nähe als zuhause. Oft haben wir beobachtet, wie sich gestresste Eltern unterwegs gefragt haben, was mir ihren Kindern los ist. „Zuhause ist meine Tochter ein Dreikäsehoch, jetzt ist sie plötzlich schüchtern und hängt mir dauernd am Rockzipfel!“
- Die Familienordnung muss neu definiert werden.
In der eingespielten Alltagsroutine hat jeder in der Familie seinen Platz und seine Aufgaben (und Rückzugsmöglichkeiten). Unterwegs ist das Zusammenleben intensiver. Man verbringt plötzlich (fast) alle Zeit mit seiner Familie, was wunderbar ist, gleichzeitig aber gewöhnungsbedürftig. Die Aufgaben eines jeden und seine Stellung in der Familie müssen neu gefunden und gelebt werden. Eine neue Routine spielt sich langsam ein.
- Anpassungsschwierigkeiten können jeden befallen.
Anpassungs-Was? hätten wir noch vor kurzem gefragt. Nun wissen wir es aus eigener Erfahrung. Plötzlich kann ein Familienmitglied mit den ständigen Veränderungen und fremden Kulturen Mühe bekommen. Diese unbewusst (oder bewusst) ablehnen.
„Lenny happy like sunshine!“ sagte unser jüngerer Sohn immer wieder, als er, gerade mal zwei Jahre jung das erste Mal mit uns auf Rucksackreise war (in Marokko). So sind wir es von unseren Jungs gewohnt. Umso hilfloser waren wir, als am Anfang unserer neuen Reise plötzlich Schwierigkeiten auftraten. Wir kontaktierten eine gute Freundin und Kinderpsychologin (wer ihre Adresse möchte, bitte bei uns anfragen) und baten sie um Rat. „Anpassungsstörung“ nenne man diesen Zustand und er komme auch bei Erwachsenen und in anderen Lebensumständen vor. Zum Beispiel bei Umzügen in eine neue Gegend oder bei einer Trennung der Eltern.
Es sind normale Reaktionen auf veränderte Umstände, die sich jedoch bei jedem etwas anders äussern können. Die Symptome einer Anpassungsstörung können ganz ähnlich wie bei einer Depression sein: Energielosigkeit, Unentschlossenheit, Orientierungslosigkeit, Abgelöschtheit, Aggressionen, sozialer Rückzug, Angst vor der Zukunft, Schlafstörungen… Die Symptome klingen jedoch von selbst wieder ab, sobald eine Anpassung an die neue Situation geschafft wird. Wichtig dabei ist die klare Linie der Eltern. Wenn diese unsicher sind, dann färbt sich das auch auf die Kinder ab. Das betroffene Kind wird sich besser fühlen, wenn es weiss, dass solche Reaktionen normal sind und es bald besser gehen wird. Rückzugsmöglichkeiten, Strukturen und Regeln helfen ebenso.
- Die Gesundheit der Kinder ist ein wunder Punkt.
Trotz bester Vorbereitung, kompetenter Medizinbücher im Gepäck und einer guten Notfallversicherung schwebt der Gedanke „Was, wenn etwas passiert oder ein Kind krank wird“ wie ein unsichtbarer Faden im Kopf der Eltern herum und kommt öfters mal zum Vorschein. Wir vertrauen normalerweise dem Universum, dass schon alles gut gehen wird und doch hatten auch wir Momente, in denen wir Angst hatten. An wen soll man sich wenden, wenn ein Kind Hilfe braucht? Wie findet man einen guten Arzt? Wie verständigt man sich?
Ich vergesse den Moment nie mehr… es war im ländlichen China, als Lenny eben mal 4 Jahre jung war. Die Jungs und ich kamen vom Park zurück und aus dem Nichts Lenny begann zu schreien. Ich nahm ihn in meine Arme. Dann hörte er auf zu atmen und bog sich in grossen Schmerzen rückwärts. Was sollte ich tun? Desmond war noch zu klein, um Hilfe zu holen und keiner der Passanten hielt an. Schlimme Szenen schossen durch meinen Kopf und plötzlich musste Lenny erbrechen. Zwei, drei, vier Mal und als er fertig war, ging es ihm besser. In solchen Momenten bleibt die Welt stehen.
- Was der Bauern nicht kennt, isst er nicht!
Unsere Jungs sind auch zuhause keine guten Esser, aber in der Zeit in China reduzierte sich ihr Menü langsam auf ein Schälchen weissen Reis. Sie sehnten sich nach Mamas Kochkünsten und dem Schweizer Essen. Unterwegs ist eine gesunde Ernährung noch wichtiger als zuhause, denn Reisen zerrt an den Reserven. Eine optimale Ernährung für die Kinder zu garantieren, ist manchmal nicht einfach.
Und da kommen wir zum zweiten Thema ums Essen: Restaurantbesuche. Wir lieben sie, wenn wir in guter Gesellschaft sind, lange sitzen bleiben können, mit Freunden oder seinem Partner über Gott und die Welt plaudern, fein essen (nicht kochen müssen!). Aber dreimal am Tag die Kinder in ein Restaurant zu schleppen und mit ihnen geduldig aufs Essen und später auf die Rechnung warten müssen und das während Monaten oder gar Jahren! Wir bereiteten oft zwei Mahlzeiten pro Tag selber im Hotelzimmer zu oder picknickten im Park und im Mittleren Osten kochten wir sogar auf einem kleinen Gaskocher. Strassenrestaurants sind meistens unterhaltsamer und schneller im Service als noble Restaurants und finden wir erstmal ein tolles Lokal, gehen wir immer wieder dahin zurück. Im Camper erübrigt sich dieses Problem.
- Zu viel Aufmerksamkeit macht menschenscheu.
Wir Eltern freuen uns daran, fremde Kulturen und Menschen kennenzulernen. Und meistens machen uns das die Kinder nach. Aber manchmal wird es ihnen auch zu viel, denn in vielen Ländern zieht sich die ganze Aufmerksamkeit auf sie. Fremde Kinder werden gerne bestaunt, angestarrt, angefasst (sogar zwischen den Beinen), gezerrt und fotografiert (auch beim Essen und Schlafen). Es gab Zeiten, da warfen unsere Jungs ihren Verehrern Küsse zu. Monate später war ihre Freude daran vergangen und die dauernde Aufmerksamkeit lästig geworden. „Lasst mich in Ruhe“ haben unsere Jungs mehr als einmal den neugierigen Einheimischen ins Gesicht geschrien. Unangenehme Situationen. Kinder sind ehrlich. Wenn ihnen etwas nicht passt, dann zeigen sie es, egal ob sie damit ihre Gastgeber verletzen.
Darum schalten wir auf jeder langen Reise alle paar Monate mehrere Wochen Pause ein. Und zwar an einem ruhigen Ort mit guter Luft. Wir mieten ein kleines Häuschen oder eine Wohnung und verbringen viel Zeit (Qualitätszeit!) miteinander als Familie. Wir kochen selber und essen zuhause, dabei reden wir über das Erlebte, schauen uns Bilder an und verdauen gemeinsam. Bis wir alle Vier bereit zu einer Weiterreise sind.
- Im Bewusstsein verreisen, dass keine Ferien erwartet werden dürfen.
Wer keine perfekte Zeit ohne Reibungen erwartet, wird auch nicht enttäuscht werden. Auch auf Langzeitreisen stellt sich irgendwann eine Routine ein. Da gehören auch schwierige Momente, Frust und Kompromisse dazu. Und Momente die so paradiesisch schön und tiefgehend befriedigend als Familie sind, dass alle kleinen Probleme schnell vergessen werden.
Und trotz allem: Reisen mit Kindern ist und bleibt eine einmalige Erfahrung, die wir nicht missen möchten. Braucht ihr noch mehr Argumente?
Amy, Mutter von zwei kleinen Söhnen und kurz vor einer Langzeitreise in Asien, listete vor kurzem auf ihrer empfehlenswerten Webseite 10 Gründe auf, die für eine Reise mit Kindern sprechen. Schaut doch mal rein!




