Aussteigen – Einsteigen
Seit 14 Jahren ist unser Leben eine einzige Reise. Damals zog ich alleine nach Nepal und Indien los wo ich nach mehreren Monaten Michael kennenlernte. Kurz darauf liessen wir uns in England nieder, und schmiedeten schon bald wieder Reisepläne. Zwei Jahre bereisten wir Asien und Afrika; nahmen hochschwanger mit Desmond im 2000 in der Schweiz unseren Wohnsitz. Lenny folgte wenig später und gleich war uns klar, dass wir diese wunderbare Welt unseren Kindern nicht vorenthalten wollten. Wir sparten und sparten, testeten die Reisegene unserer Jungs im 2004 in Morokko und ein Jahr danach gaben wir auf, was wir hatten und starteten ein neues Abenteuer in Istanbul. Eben mal 12 Monate verbrachten wir zurück in der Schweiz im 2007, bevor wir nach China umsiedelten, um hier auf dem Land zu erleben, wie sich reisen in fremden Kulturen anfühlt, wenn man stationär ist. Und schon diskutieren wir eine neue Route für nächstes Jahr. Südamerika oder Nordafrika, Mittleren Osten…
“Ihr habt so viel Glück! Wir würden das (bezieht sich auf Reisen und/oder Leben im Ausland) so gerne auch tun!” hören wir immer wieder von unserer Umgebung. Ja, wir haben Glück. Wir haben Kinder, die ebenso begeistert vom Reisen sind, wie wir. Wir sind gesund. Wir haben den Glauben, dass alles gut gehen und sich immer wieder eine Türe öffnen wird, wenn wir es brauchen. Aber auch unsere Lebensart, unsere Freiheit hat ihren Preis. Als wir vor ein paar Monaten um die 300 Freunde und Bekannte mit einem Angebot das Hotel eines Nachbarns zu führen, angeschrieben hatten, meldete sich nur eine einzige Person und auch die entschied sich schlussendlich gegen diesen Schritt. Der Preis für ein Leben ohne abgesicherten Rahmen war wohl den Meisten zu hoch.
Jede Karriere, die wir je eingeschlagen haben, wurde mit einer Abreise beendet . Nach einer Rückkehr – pleite, bis auf ein kleines Startkapital – richtete sich die Wahl einer Arbeitsstelle mehr nach der Notwendigkeit als der Gefälligkeit. Michael hat schon als Bäcker gearbeitet, sowie als Gärtner, Lastwagenfahrer, Transportmanager, Elektromonteur und nun als Leiter eines Hotels. Ich war schon im Verkauf, der Werbung und Marketing, als Product Manager und im Human Resources tätig, habe auch schon in einem Restaurant serviert und sitze nun mit meinem Mann im gleichen Boot. Unsere Karrieren und unsere Neuanfänge sind so bunt und unberechenbar wie unsere Reiserouten. Obwohl wir es lieben, zu planen, kommt in unseren Leben immer alles anders als im Voraus ausgetüftelt. Die Ungewissheit macht die Freiheit aus und ist wahnsinnig spannend; kann aber auch ganz schön unbequem sein. Und dann fragen wir uns: können wir überhaupt noch sesshaft werden und uns in einer westlichen Gesellschaft eingliedern? Trotzdem, hat nicht schon Janis Joplin so schön gesungen: „freedom’s just another word for nothing left to lose“ (Freiheit is nur ein anderes Wort für nichts mehr zu verlieren).
Obwohl wir schon fast Meister im Geld sparen sind, geben wir es auch ebenso prompt wieder aus. Wir legen ein Häufchen für die nächste Reise auf die Seite – wie die Eichhörnchen Nüsse für die kalte Jahreszeit sammeln -, reisen und beginnen wieder von vorne. Wir haben weder eine Reserve fürs Alter, noch eine für Regentage (Was wiederum viele Menschen in unserem Umfeld nervös macht und dazu bringt, Kritik an uns zu üben. Wir versprechen hoch und heilig, dass wir ganz schweizerisch auch noch ein paar Nüsse für den Lebenswinter sammeln und uns auch im Alter auf ein einfaches Leben beschränken werden…). Auf unserem Sparkonto liegt genug für vier Tickets in die Schweiz sowie eine Wohnungskaution und Miete für den ersten Monat. Wir haben keine Wertsachen, die wir verkaufen können, keine Liegenschaften oder Versicherungspolicen. Ein Blitzbesuch in der Schweiz oder England liegt nicht drin.
Wir sind bei keiner schweizer Krankenkasse mehr versichert und vermutlich werden uns diese nach einer Rückkehr nur noch für hohe Prämien und einem Minimum an Deckung wieder aufnehmen. „Sicherheiten“, wie sie die meisten Schweizer kennen und in Anspruch nehmen, gehören nicht mehr in unsere Leben. Trotzdem haben wir natürlich das unbezahlbare Glück und Privileg Schweizer zu sein, jeder Zeit wieder in unsere Heimat zurückkehren zu dürfen und neu anzufangen. Die Anekdoten unserer Reisen, die Begegnungen und unbezahlbaren Momente sind mehr wert als alles Geld.
Wo wir auch hinreisen, wir sind immer die Ausländer und haben keinen „Status“. Die Regierung könnte uns ohne Grund und ohne Warnung ausweisen. Auch hier in Südchina haben wir keinen Arbeitsvertrag, nur einen Handschlag. Unser bescheidener Lohn geht in ein chinesisches Sparkonto für unsere nächste Reise – keine Abzüge für sogenannte Sicherheiten werden gemacht. Wir sind zu Kokosnusspalmen geworden. Sie haben winzige Wurzeln und lange Stämme. Kommt ein Sturm, stürzten die Palmen um und müssen wieder neu ab einem Samen wachsen.
Immer wieder lernen wir uns unbekannte Menschen kennen. (Im Moment sind es täglich um die Zwanzig.) Sie kommen aus farbigen Kulturen, mit grandiosen Geschichten, tiefsinnigen Religionen und aus den verschiedensten sozialen Ränken. Wir knüpfen Freundschaften mit unglaublichen Individuen. Nur gehört die Trennung im Gesetz der Polarität ebenso dazu wie die Begegnungen und immer wieder heisst es „Adieu“.
Und unsere Freunde und Familie zuhause? Letzes Jahr haben wir drei tragische Todesfälle in unserem Freundeskreis erleben müssen und jedesmal ist mein Herz fast vor Schmerz zerissen, weil ich nicht da sein konnte. So weit weg… Die Kinder von Freunden und Familie werden erwachsen, ohne dass wir Anteil nehmen können, ihre Erinnerungen an uns kommen nur von Fotos. Alles verändert sich und wir sind immer nur „die, die weit weg sind“.
Trotzdem; Heimweh plagt uns nicht (noch nicht?). Die Lust auf die Welt ist und bleibt unser Antrieb: fremde Menschen und Kulturen, Weiten und traumhafte Landschaften, ein Leben, in dem spontane Entscheidungen viel Platz haben und Pläne über Bord geworfen werden. Die Intensität und Nähe zum Puls der Erde, die wir auf Reisen spüren, zieht uns und das Beschränken auf wenige Besitztümer und das Auskommen mit minimalen Resourcen macht uns wertschätzend. Bescheidenheit ist eine Tugend, die wir anstreben. Das Begehen der Welt ohne Ziel, der Luxus der Zeit auf unserer Seite. Und das fortlaufende, intensive Auseinandersetzen und Lernen von Andersartigkeiten. Das Reisen ist wie der Feuerstein geworden, der uns den Funken gibt, um das Feuer des Idealismus immer wieder neu zu entfachen.
Vor kurzem konnten wir zum ersten Mal in sehr langer Zeit eine gemeinsame Mahlzeit in unserem Daheim einnehmen. Nicht im Hotel, unterbrochen vom Tagesgeschäft, sondern weg von allem in der Stille. Lenny meinte dazu: „Das gefällt mir, das ist wie beim Campieren.“ Ich erklärte ihm dann nachdenklich, dass es nicht wie Camping sei, sondern wie ein stinknormaler Familienalltag…
Manchmal sehnen wir uns nach einem winzigen Häuschen mit einem Gärtchen in der schönen Schweiz. Freunde, die wir regelmässig sehen, ein „normales“ Schweizer Leben mit Engangement in der lokalen Gesellschaft. Und immer mehr sehe ich unsere Reise als Vorbereitung dazu, unsere Erfahrungen später in der Heimat einsetzen zu können. Immer wieder treffen wir Menschen, die weit weg wollen, um in der Ferne armen Menschen oder Tieren helfen zu können. Aber auch im eigenen „Gärtli“ gibt es viel aufzuräumen. Wenn ich sehe, wie viel Gutes meine Schwester in ihrer Umgebung tut und was sie alles schon an tollen Projekten in der Gemeinde aufgezogen hat, dann wird mir immer mehr bewusst, dass die wahrsten Helden die sind, die in ihrer nahen Umgebung etwas bewirken.
Gestern las ich in einem Jugendbuch der Jungs einen sehr passenden Abschnitt. Es ging um einen Knaben, der auf einem Bauernhof lebte. Er träumte immer davon, weg zu gehen und ein Held zu werden. Plötzlich wurde sein Wunsch erfüllt und er wurde in ein spannendes Abenteuer verwickelt. Als die Welt gerettet war, stand er vor dem König. „Ich möchte dir als Dank etwas schenken“, sagte der Monarch, „was willst du?“ „Ich will einfach nach Hause gehen“ erwiederte der Junge, denn er hatte in den vergangenen Monaten gelernt, seine Heimat zu schätzen. Als er auf dem Bauernhof ankam, sprach er mit seinem weisen Opa. “Ich habe mich so auf mein Daheim gefreut, aber als ich in mein Zimmer kam, war es viel kleiner als ich es in Erinnerung hatte. Auch die Felder sind nicht mehr so wunderschön und riesig wie ich glaubte.” Der Greis erwiderte mit ruhiger Stimme, dass in der Tat alles noch genau gleich sei, wie vor der Abreise, aber dass der Junge auf seinem Weg gewachsen sei und er nun deshalb alles kleiner empfinde.
Und was bedeutet unsere Lebensart für unsere Kinder? Wir sind uns der riesigen Verantwortung bewusst, die wir als Eltern haben und manchmal ist es überwältigend, diese alleine zu tragen, ohne sie mit Lehrern, dem Kinderarzt, den Tanten/Onkeln und Grosseltern, den Nachbarn (…) teilen zu können. Immer wieder bringen wir in unser Bewusstsein, was wir unseren Jungs vermitteln wollen. Ihr Fundament soll auf der Selbsterfahrung aufgebaut sein, dass die Welt ein faszinierender Ort ist, dem wir Sorge tragen müssen und dass Rassismus auf Erden keinen Platz hat. Sie sollen verstehen, dass vor ihnen immer eine Weiche steht, die sie selber stellen können und es nicht nur einen richtigen Weg gibt. Bald werden wir uns niederlassen und Desmond und Lenny werden die Sesshaftigkeit kennenlernen. Und wenn sie alt genug sind, dann können sie entscheiden, wo ihr Leben sie hintragen soll.
Wir stehen immer wieder vor einer Wahl, sind gezwungen abzuwägen, was uns wichtig ist und welcher Preis wir dafür bereit sind zu zahlen. Dann begehen wir den Weg, den wir ausgewählt haben und schauen nicht zurück…






7 1/2 Jahre war ich unterwegs; zuerst alleine, dann mit meinem Mann und mit unseren Kindern. Auf unserem Blog findet ihr Tipps, Bilder, Geschichten und Gedanken. Mehr zu uns,
Follow us :-)