Zahnpflege – nichts für Weicheier

Zahnärzte gibt es in China viele. Menschen, die zum Zahnarzt gehen, sind aber selten. Erst, wenn wirklich nichts mehr geht, dann wird der Weg zum Mann (oder Frau) im weissen Kittel begangen. Vorsorgeuntersuchungen sind hier (noch) unbekannt.

Die Qualität der Zahnärzte variert stark. Bei den Bauernmärkten, die alle paar Tage in Kleinstädten gehalten werden, sitzt meistens ein Zahnarzt auf einem winzigen Plastikhocker und wartet mit einer verrosteten Zange in seiner Hand auf Kunden. Gebisse werden schön gereiht auf einem Verkaufsstand angeboten, wie die saftigen Aepfel und Orangen nebenan.

Eine etwas grössere Stadt, d.h. nach chinesischem Standard sind das noch Kleindörfer (man bedenke, dass z.B. die Chinesische Provinzstadt Guilin alleine schon mehr als die Hälfte der ganzen Schweizer Bevölkerung beheimatet), hat Zahnärzte, die in kleinen, nach vorne geöffneten Verkaufszellen hantieren und operieren. Das sieht dann jeweils so aus: Ein Zahnarztsessel für den Patienten, ein Holzhocker für den Arzt, eine lange Bank dahinter, für die wartenden Patienten – niemand hat einen Termin, man kommt, setzt sich, schaut zu, bis man an die Reihe kommt – und dominierend im Zimmer, ein grosser Fernseher, auf dem laute Seifenopern laufen.

Und dann gibt es noch die Luxusvariante für die Neureichen der Grossstädte. An Guilins grösstes Krankenhaus ist eine Zahnklinik angehängt. Supermodern und sehr einladend ist schon die picobello geputzte Eingangshalle und der Wartesaal. Eine lange Empfangstheke, wie die eines Sheraton Hotels, kennzeichnet eine unsichtbare Barriere zu den Untersuchungszimmern. Jede Behandlungsart ist einem Raum zugeteilt und darin sitzt ein Arzt oder eine Aerztin, die sich auf diesem Gebiet spezialisiert hat. Also z.B. die Kronensetzerin, die Löcherstopferin usw. Die Zimmer sind karg eingerichtet, ein bequemer Sessel und ein Hocker und darum herum Schaufenster, damit auch schön jeder, der will zuschauen kann. Die Behandlungen sind für westliche Verhältnisse sehr günstig und das Angebot unglaublich neuzeitlich. Hier lässt man sich z.B. unter anderem schon Zahnimplantate einsetzen.

Trotz der modernen Amenitäten sind auch diese Zahnärzte nichts für Weicheier. Gerne erinnern wir uns an den Service in Thailand, wo das Gesicht des Patienten mit einem gewärmten Tuch abgedeckt wird, eine lächelnde Gehilfin sanft den Speichel absaugt und alle paar Minuten fragt, ob einem an nichts fehlt. Hier gibt es weder die engelhafte Gehilfin noch den Speichelsauger. Wird es zu viel, spuckst du schnell in den Kessel, der dir beim Antritt in die Hand gedrückt wurde. Tut’s weh, wartest du einfach, bis es wieder besser wird. Michael wurde immer wieder von der Aerztin angelächelt und sie klopfte ihm mehrere Male auf die Schulter. „Sie sind so tapfer.“ Bis er explodierte und ihr versicherte, dass er nicht tapfer sei und doch endlich eine Spritze wolle. Ganz erstaunt gab sie nach und fand doch noch irgendwo in der Schublade so ein schmerzstillendes Ding. Das Resultat lässt sich zeigen und mit jeder neuen Krone bekommt mein Mann sogar eine Kreditkarten ähnliche Plastikgarantie! Der Kundendienst, sollte er nötig sein, ist kostenlos.