Heuern und feuern

„Ok, willst du die Stelle?“ „Du kannst es dir noch ein paar Tage überlegen.“ „Nein, du brauchst keine Zeit zum Überlegen, du willst sie? Super, auch gut.“ „Wann kannst du beginnen?“ „Gleich jetzt, du musst nur noch schnell in die Stadt fahren um eine Zahnbürste und Seife zu kaufen?“ „Hast du denn kein Gepäck? Du wirst ja schliesslich gleich hier am Arbeitsplatz wohnen.“ „Ah, du hast bereits eine Tasche mit Kleidern dabei.“ „Gut, also, dann bis später!“ Und schon ist die Stelle vergeben.

Eine Woche vorher:

Eine Mitarbeiterin kündigt unerwartet (sie zieht mich beiseite und erklärt, dass sie uns verlassen werde). Sie will eine andere Stelle annehmen – sie fühlt sich im bestehenden Team schlecht behandelt – und gibt uns drei Tage Frist, bevor sie abreisen wird. Zudem haben wir vor Ende der letzten Saison drei Kellnerinnen gekündigt und so brauchen wir dringend mehr Angestellte.

Sechs Tage vorher:

Wir senden eine Textnachricht an alle Freunde und Bekannte in und um Yangshuo und erkundigen uns, ob jemand eine Person kennt, die eine Stelle sucht. Wir fahren in die Stadt und kleben an der Fensterscheibe von Kelly’s Cafe einen Zettel „Kellnerin gesucht“ an.  Wir fragen mehrere Restaurant- und Hotelbesitzer nach Rat. Sie haben alle die gleichen Schwierigkeiten gute Angestellte zu rekrutieren.

Junge, motivierte Menschen zu finden, die bereit sind anzupacken, sei schwierig geworden; hören wir von allen Seiten. Viele laufen schon nach wenigen Tagen davon, weil ihnen die Arbeit zu anstrengend sei. Sie sind schlichtweg von der Arbeitswelt überfordert. Vor kurzem fragte ich eine erfolgreiche, blutjunge Chinesin aus der Hauptstadt, was sie sich zum Geburtstag wünsche. „Einen Tag nur schlafen dürfen!“ war die typische Antwort dieser übermüdeten Frau. Die chinesische Generation des Kommunismus, mit seiner Forderung an unermüdliche Leistung, ist veraltet. Man sieht sie noch gebeugt in den Reisfeldern oder mit schwerem Joch über den Schultern auf der Baustelle; ihre Kinder schauen ihnen dabei zu. Die Eltern bezahlen für ihre Ausbildung, ihre Karriere, ihre Gesundheitsversorgung, ihre Hochzeit und ihr neues Haus. Die Jungmannschaft will am Fun der Welt teilnehmen. Junge Erwachsene, die im Aufschwung Chinas gross geworden sind. Viel Freizeit, gute Löhne, Zugang zu modernen Einrichtungen sind ihre Forderungen. Viele wollen gleich als Chef einsteigen. Eine Karriere als Tellerwäscher zu beginnen, wie das Klischee alter Hollywood-Streifen zeigt, ist nur für sehr innovative, visionäre Menschen eine Option.

Ein Tag vorher:

Kelly ruft uns an. Zwei junge Damen hätten bei ihr nach einer Stelle gefragt. Kelly braucht aber nur eine Kellnerin und die Freundinnen würden nur akzeptieren, wenn sie zusammenbleiben könnten. Sind wir interessiert? Sie gibt uns eine Telefonnummer; wir rufen sofort an und laden die zwei zu einem Gespräch ein.

Das Gespräch:

Die zwei 19-jährigen Schulabgängerinnen kommen pünktlich um 14.00 Uhr an. Wir stellen uns vor und lassen Wendy ein paar Worte über unsere Erwartungen, den Arbeitskonditionen und dem Stellenbeschrieb sagen.

Unsere Kellnerinnen arbeiten in einem Schichtsystem, ungefähr zehn Stunden pro Tag, wovon jedoch mindestens vier Stunden fast nichts läuft und sie Zeit zum Lesen oder Studieren haben. Zudem haben sie jeden Nachmittag drei Stunden frei. Im Winter bekommen sie fast zwei Monate bezahlten Urlaub und während den restlichen zehn Monaten noch 30 Tage zur Verfügung. Auch unsere Löhne sind für hiesige Verhältnisse gut. Die Probezeit dauert wie in der Schweiz drei Monate. Kündigunsfristen gibt es nicht. Die meisten der Mitarbeiter leben hier im Hotel, sie bekommen ein Zimmer (einige teilen sich ein Zimmer) und drei Mahlzeiten, dürfen unsere Roller benützen, die Waschmaschine und TV des Hotels.

Am wichtigsten ist uns bei neuen Angestellten, dass sie mitdenken, sich engagieren, dass sie gerne hier sind und dies auch bei den Gästen so rüber kommt.

Noch am gleichen Tag beginnen die zwei Neuen und ziehen gleich ein. Fünf Kellnerinnen haben wir nun und das Team scheint super zu sein. Trotzdem gibt es ab und zu Zoff. Schliesslich leben wir alle zusammen. Wen wundert’s da. „Sie putzt das Bad nie!“ oder „Sie redet die ganze Nacht mit ihrem Freund am Telefon.“ Etwas über die Mitbewohner zu maulen gibt es dauernd. Zwischenmenschliche Probleme scheinen überall in der Welt ähnlich zu sein. Oft würde es uns helfen, wenn wir mehr chinesisch könnten, manchmal ist das Nichtverstehen aber ein Segen.

Und immer wieder bewahrheitet sich das von unserem Chef aber und abermals zitierte und (scheinbar) von JF Kennedy stammende: „Es ist nie so gut, aber auch nie so schlimm wie es scheint.“

Vor ein paar Monaten:

„Schon seit Monaten treffen wir uns regelmässig mit euch und erklärten jedes Mal, was eure Stelle innehält und was wir von euch erwarten. Vor zwei Wochen habe ich euch eine letzte Warnung gegeben und euch gebeten, endlich besser zu arbeiten, anstatt ewig nur herumzusitzen. Mit eurem Verhalten zeigt ihr uns, das ihr nicht hier sein wollt.“ „Wir sind nicht zufrieden.“ „Was sagt ihr?“ „Ah, ok, ihr habt nichts dazu zu sagen.“ „Wir bezahlen euch noch einen Monat den Lohn, ihr seid aber frei, sofort zu gehen.“ „Das ist es, was ihr wollt? Ihr habt euch schon gefragt, wann wir euch endlich kündigen. Ah. Ok.“ „Also, alles Gute, hier ist eurer Lohn.“ Und schon packen die drei und am nächsten Morgen sind sie weg.

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