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Die letzte Nacht in der Wohnung – vor der Reise

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„Die Strassen sind zum Reisen da, nicht um am Ziel anzukommen“

(Buddha)

Das Gefühl kennen wir schon – ist es doch nicht das erste Mal – aber neu scheint es doch. Komisch, wie schnell man vergisst.

Die Matratze fühlt sich kalt an, das Leintuch ist in einer Kiste, zwischen den grossen Tellern und der Bratpfanne eingepackt und auch die Decke ist nur provisorisch. Neben mir liegt Michael, auch auf einem Provisorium und etwas weiter, im gleichen Raum, Desmond und Lenny. Ob sie wohl schlafen? Kaum.

Zwei Zimmertüren sind bereits zu. Die leeren Räume dahinter, blitzblank geputzt, bereit für die neuen Mieter. Die Küche und das Bad das Gegenteil. Noch mit Gerümpel und Dreck. Viel Dreck. Umziehen oder in unserem Fall wohl besser Ausziehen gibt Staub.

Die meisten Möbel sind für immer weg, bei verschiedenen Freunden, die gerade so ein Stück brauchen konnten. Auch die Spielsachen. Das Echo in der Wohnung ist ungewohnt. Wie in einer Steinzeithöhle. Und obwohl wir so viel weggegeben haben, haben sich doch noch 20 Bananenkisten gefüllt. Fünf für jeden von uns. Und bereits haben wir vergessen, was denn da so wichtiges drin ist.

Komisch was man in einer so ruhigen und dunklen Nacht alles bemerkt. Hat nicht jede Wohnung ihren eigenen Geschmack. Einer, der vom Leben seiner Bewohnern erzählt. Nicht dass die, die darin wohnen es riechen könnten. Wer schmeckt sich schon selber? Und erst jetzt, in der Abwesenheit dessen, bemerke ich eben gerade dies: seine Abwesenheit. Die Wohnung hat unseren Geschmack verloren. Sie ist nicht mehr unser Zuhause. So schnell geht’s. Und tschüss und schon ist es weg.

Und wie sieht es in unserem Innern aus? Ein nicht zu verachtender Teil dieser bereits gefühlten Gefühle ist Vorfreude. Aufregung. Die Nacht bringt aber auch das nagende Gefühl vom nirgends Hingehören, beisst sich fest wie ein Stinktier, das seine Beute nicht mehr loslassen will. In dieser dunklen Nacht ohne Geschmack. Mit den ersten Sonnenstrahlen wird es weg sein. Wird die pure Freude zurückkehren. Aber die Nacht will anders. Sie erlaubt Ängste, die tagsüber irrational scheinen.

Wieder sind wir im Vakuum dazwischen. Alles, durch das sich Menschen normalerweise definieren, ist nun weg: eine Postadresse, Telefonnummer, Briefkasten, Hausschlüssel, Versicherungen, die Wohnung, der Job, Ornamente und einen Schrank voller Kleider. Kurz gesagt, unser Lifestyle ist einmal mehr 180 Grad gedreht worden und irgendwo heraus gefallen. Im Dunkeln dieser Nacht ohne Geschmack und Leintücher ist das ein befremdendes, ja sogar etwas beängstigendes Gefühl, doch weiss ich, aus Erfahrung, dass bei Ankunft des ersten Lichts die Freude über diese grenzenlose Freiheit gewinnen wird. Sie gewinnt immer. Sie befreit. Und danach ist es an uns, daraus etwas Gutes zu tun.

Mein Magen macht kurz einen dreifachen Rückwärtssalto. Das ist schon fast normal. Soll ich wieder aufstehen, anstatt mich rastlos im provisorischen Bett zu drehen? Aber wohin? In die leere, unfreundliche Küche? Was haben wir bloss getan?

Ich denke an einen Satz aus einem Hollywood Streifen. Darin sagte der sexy Hauptdarsteller, der gerade verkündet hatte, dass er seinen Traum verwirklichen werde: „Weh tue ich den anderen, weil ich ihnen das Gefühl gebe, dass das was sie tun nicht gut genug ist.“

Ob wir anderen mit unseren Entscheidungen, mit dem Verwirklichen unserer Träume auch wehtun? Ja, das tun wir bestimmt. Und es tut uns leid. Aber wenn wir darauf bedacht sind, uns selber tiefst glücklich zu machen, können wir doch auch anderen Menschen Glück bringen. Jeder hat seinen Weg, keiner ist schlechter oder besser. Dies ist unser.

Die Sonne dringt durch die Storen. Endlich ist es Morgen. Die letzte Nacht vor dem neuen Lebensabschnitt ist vorüber, die letzten Gedanken darüber sind gegrübelt und wir lächeln der Welt entgegen, die uns offen steht. Was für ein Glück. Danke. Möge unsere Reise weitergehen.