In 2 Jahren haben wir 13 Länder bereist und in 94 verschiedenen Zimmern übernachtet. 37 Nächte haben wir fahrend in Bussen/Zügen/Schiffen verbracht. Die Tausende von Kilometern haben wir mit 895 Stunden mit dem öffentlichen Verkehr zurückgelegt, was fast 5½ Wochen Nonstop-Fahrt gleichkommt. Geflogen sind wir so wenig wie möglich. Inlandflüge haben wir nicht in Betracht gezogen.
Nur sechsmal mussten wir einen Arzt aufsuchen, viermal wegen Ohrentzündungen (einmal Lenny, zweimal Desmond und einmal Michael), einmal für meine Tollwutspritzen nach dem Hundebiss in Vietnam und ein weiteres Mal wegen einer Grippe in China.
Wir sind mit einem durchschnittlichen Budget von € 30 – 40 pro Tag ausgekommen (für uns vier, alles inklusive) und haben um die € 1’700.- für Visa ausgegeben. Eine Reiseversicherung (Krankenversicherung inkl. Unfall, Rechtsschutz und Diebstahl) hatten wir über das Internet für ca. € 2’500.- (für die ganze Familie, für 2 Jahre) abgeschlossen. Wir reisten mit zwei Rucksäcken, einem kleinen Tagesrucksack und einer Handtasche.
Andere Reisende und Einheimische halfen uns geeignete Unterkünfte zu finden, manchmal konsultierten wir auch ein Reisehandbuch oder das Internet und oft wurden wir sogar gleich an Bushaltestellen oder Bahnhöfen von Leuten »abgeschleppt«, die uns zu einer Pension brachten. Weiterreisepläne entstanden unterwegs, fortlaufend und spontan. Die Reise begannen wir absichtlich ohne bestimmtes Ziel und lernten unser Vertrauen in die Welt wiederzufinden. Wir waren früher oft alleine oder zu zweit als Paar gereist – und nun mit unseren Jungs; diese Reise haben wir am meisten genossen. Unsere Kinder haben uns eine Erlebnistiefe und einen Reichtum geschenkt, die wir zuvor nicht kannten.
Wir haben Hunderte von anspornenden E-Mails bekommen. Viele haben durch unsere Abenteuer, Gedanken und Erfahrungen in irgendeiner Weise Trost, Hoffnung oder Kraft geschöpft. Und wir wiederum haben in den Worten anderer Liebe und Mut gefunden. Ich erinnere mich an ein E-Mail, das ich vor der Abreise an Freunde geschickt hatte, die gerade in Vietnam weilten. Darin hatte ich unzählige Fragen betreffend der Sicherheit in diesem Land gestellt. Wie steht es um die medizinische Versorgung? Werden wir die viel befahrenen Strassen mit unseren Kindern überqueren können? Rein der Gedanke an all die Vorreisesorgen bringen mich zum Schmunzeln. Heute, zwei Jahre später, kann ich mir das kaum mehr vorstellen. Hatte ich wirklich so viele Zweifel und Ängste? Warum nur? Vom ersten Tag unserer Reise, damals in Istanbul, verlor ich sie und mein Vertrauen
in die Welt kam zurück. Respekt vor dem, was wir tun, ein grosses Verantwortungsgefühl sowie ein immerwährendes auf der Hut sein blieben.
Für Desmond und Lenny war unsere Reise bestimmt nicht immer einfach. Oft mussten sie lange still sitzen, immer wieder in fremden Umgebungen Schlaf finden, sich beim Essen anpassen, anfassen und fotografieren lassen, von neuen Freunden und geliebten Orten Abschied nehmen und konnten nur auf kleinstem Raum und mit Miniaturspielsachen spielen.
Nichtsdestotrotz überwogen die positiven Seiten, die unzähligen,
tollen Momente, die lehrreichen Erfahrungen, die neuen freundschaften und die Liebe. Das Zusammensein und der Zusammenhalt als Familie. Das Zeit haben und sich Zeit nehmen. Viel haben wir gelernt, einiges davon umzusetzen vermocht und hoffentlich das eine oder andere auch an Desmond und Lenny weitergeben können:
Lachen tut gut. Humor löst fast jedes Problem.
Immer wieder Entscheidungen treffen und Konsequenzen tragen.
Geduld trägt Früchte.
Annehmen, was auf uns zu kommt und das Beste daraus machen.
Zeichen erkennen und verstehen.
Das Leben zwischendurch mal ohne Ziel anpacken und einfach sein.
Täglich die eigene Welt auf den Kopf stellen und Veränderungen mit offenen Armen annehmen. Uns fremden Gegebenheiten anpassen.
Extreme leben, danach aber sicher auf dem Mittelweg landen.
Jedes Mal wenn wir an eigene Grenzen stossen noch etwas mehr aushalten. Grenzen versetzen, zugleich aber auch Grenzen verstehen und annehmen.
Unkompliziert Freundschaften knüpfen und Andersartigkeit als interessant und bereichernd wahrnehmen.
Loslassen können.
Die Schönheit der Welt und ihrer Geschöpfe schätzen und lieben und uns für ihren Schutz einsetzen.
Vertrauen in uns selber und die Welt gewinnen und dies für eine bessere Zukunft investieren.
Die einfache Schönheit und Unkompliziertheit eines Lebens mit nur wenigen Besitztümern und Luxus schätzen.
Horizonte erweitern und mehrere Wahrheiten und Realitäten als gültig erkennen.
Anderen helfen und geben, ohne eine Gegenleistung zu erwarten.
Es aufregend finden, Pläne zu schmieden, diese über den Haufen zu werfen, neue Pläne zu kreieren und dann wieder zu ändern. Kurz gesagt, organisiert, aber nicht darauf versteift sein.
Nicht auf die Lösungen anderer warten, lieber selber anpacken und Verantwortung übernehmen.
Im Leben improvisieren.
Als Familie eng zusammenleben und den speziellen Bund als Quelle der Kraft brauchen.
»Wenn ich Menschen nicht dazwischenfahre,
passen sie auf sich selbst auf.
Wenn ich Menschen nicht befehle,
verhalten sie sich von selbst richtig.
Wenn ich Menschen nicht predige,
werden sie von selbst besser.
Wenn ich mich Menschen nicht aufdränge,
werden sie sie selbst.«
Laotse
